hier: 2. Teil, 95kB, der geschichtemachenden
Erzählung von
Aleksandr Solschenizyn: Ein Tag im
Lebens des Iwan Denissowitsch
(erster Teil: klick)
... konnte ein erfahrenes Auge
an verschiedenen Zeichen ablesen, daß bald das Signal zum Ausmarsch gegeben
würde. Chromojs Gehilfe (der Kantinendienst Chromoj hielt sich einen Gehilfen
und fütterte auch ihn durch) holte die Baracke sechs, die sogenannte Invalidenbaracke,
zum Frühstück alle, die nicht außerhalb des Lagers arbeiteten.
Der alte Maler mit dem Bärtchen trottete langsam in die Kultur- und Bildungsabteilung
Farbe und Pinsel besorgen, um Nummern zu malen. Tatarin überquerte
schon wieder eilig die Lagerstraße in Richtung Stabsbaracke. Nur wenige
Menschen waren im Freien zu sehen alle hatten sich noch einmal verkrochen
und genossen die letzten Minuten im Warmen.
Schuchow versteckte sich schnell hinter einer Barackenecke: Wenn
er Tatarin noch einmal in den Weg läuft, kassiert der ihn wieder ein. Man
muß immer auf der Hut sein. Darauf achten, daß die Aufseher einen
nie allein sehen, sondern immer nur im Haufen. Vielleicht braucht so ein Aufseher
jemanden für eine Arbeit, vielleicht möchte er auch nur seine schlechte
Laune abreagieren. In allen Baracken wurde die Anordnung verlesen daß
man fünf Schritte vor dem Aufseher die Mütze abzunehmen hat und sie
zwei Schritte entfernt erst wieder aufsetzen darf. Manche Aufseher tappen wie
Blinde dahin, ihnen ist das ganz gleichgültig, anderen aber ist das eine
reine Lust. Wie viele Häftlinge sind wegen dieser dummen Mütze schon
im Bunker gelandet! Ach nein, lieber ein Weilchen hinter der Ecke stehenbleiben.
Tatarin war weitergegangen und Schuchow schon fest entschlossen,
in den Krankenbau zu gehen. Plötzlich fiel ihm ein, daß er heute
früh vor dem Ausmarsch mit dem langen Letten aus Baracke sieben verabredet
war, der ihm zwei Gläser Eigenbau verkaufen wollte. Schuchow war so beschäftigt
gewesen, daß er es glatt vergessen hatte. Der lange Lette hatte gestern
abend ein Paket bekommen, morgen besaß er vielleicht schon keinen Tabak
mehr, dann mußte man wieder einen ganzen Monat auf das nächste Paket
warten. Der Tabak war sehr gut, nicht zu scharf und aromatisch. Graubraun.
Schuchow ärgerte sich heftig und blieb unschlüssig stehen.
Sollte er nicht lieber in die Baracke sieben umkehren? Aber zur Krankenbaracke
waren es nur noch ein paar Schritte, und er lief im Trab zum Treppenaufgang.
Der Schnee knirschte laut unter seinen Füßen. Der Flur im Revier
war, wie immer, so sauber, daß er kaum wagte, ihn zu betreten. Die Wände
waren mit weißer Emailfarbe gestrichen. Auch die Möbel waren alle
weiß.
Aber die Türen der Behandlungsräume waren geschlossen.
Naja, die Ärzte hatten sich noch nicht aus ihren Betten erhoben. Im Dienstzimmer
saß der Heilgehilfe, der junge Kolja Wdowuschkin, in einem frischen weißen
Kittel an einem sauberen Tisch und schrieb irgendwas.
Außer ihm war niemand da.
Schuchow nahm wie vor einem Natschalnik die Mütze ab, und
da er aus alter Lagergewohnheit Dinge zu erspähen suchte, die man eigentlich
nicht sehen sollte, bemerkte er natürlich auch, daß Nikolaj regelmäßige
Zeilen untereinander schrieb und jede Zeile, in leichtem Abstand vom Rand des
Blattes, säuberlich mit einem großen Buchstaben begann. Schuchow
begriff sofort, daß dies keine offizielle Arbeit, sondern eine Nebenbeschäftigung
war, aber das ging ihn ja nichts an. Also, Nikolaj Semjonytsch ... ich
bin gewissermaßen ... krank, sagte Schuchow bekümmert, als
habe er kein Recht dazu.
Wdowuschkin sah mit seinen ruhigen, großen Augen von der
Arbeit auf. Er trug eine weiße Kappe, einen weißen Kittel, eine
Nummer war nicht zu sehen.
Warum kommst du so spät? Warum bist du nicht gestern
abend gekommen? Du weißt doch, daß morgens keine Sprechstunde ist.
Die Krankenliste ist schon in der Planabteilung.
Schuchow wußte das alles. Er wußte, daß es auch
abends nicht einfacher war, sich krank schreiben zu lassen.
Aber Kolja ... gestern abend hatte ich noch nicht solche
Schmerzen ...
Was für Schmerzen? Was hast du denn?
So richtige Schmerzen sind es auch gar nicht. Mir ist einfach
nicht wohl.
Schuchow gehörte nicht zu denen, die ständig versuchen,
im Krankenbau unterzuschlüpfen, das wußte Wdowuschkin. Aber er durfte
morgens nur zwei Mann krank schreiben unter der grünlichen Glasplatte
auf dem Tisch waren die Namen dieser zwei bereits notiert und ein Strich daruntergezogen.
Du hättest es dir früher überlegen müssen.
Warum kommst du direkt vor dem Ausmarsch her? Da, nimm! Wdowuschkin nahm
eines der Thermometer heraus, die in einem Glas mit Gaze steckten, wischte die
aseptische Lösung ab und reichte es Schuchow.
Schuchow setzte sich auf eine Bank an der Wand, auf die äußerste
Kante, gerade so, daß die Bank nicht kippte. Er setzte sich nicht absichtlich
so unbequem, aber unwillkürlich machte er damit deutlich, daß ihm
das Revier fremd war und daß er nur wegen einer Kleinigkeit gekommen war.
Wdowuschkin schrieb weiter.
Der Krankenbau befand sich im entferntesten Winkel der Lagerzone,
und von draußen drang kein Laut herein. Keine Wanduhr tickte hier
Häftlingen stehen Uhren nicht zu, die Lagerleitung weiß die Zeit
für sie. Nicht einmal Mäuse raschelten irgendwo alle hatte
die eigens dazu angeschaffte Katze gefangen.
Schuchow war merkwürdig zumute, in einem so sauberen Zimmer,
in einer solchen Stille, bei so hellem Lampenlicht ganze fünf Minuten dazusitzen
und nichts zu tun. Er betrachtete die Wände ringsum aber da war
nichts. Er besah sich seine Jacke die Nummer auf der Brust war abgescheuert,
er mußte sie erneuern lassen, damit sie ihn nicht einbuchteten. Mit der
freien Hand fuhr er über sein Gesicht der Bart war seit der letzten
Sauna, vor mehr als zehn Tagen, ganz schön gewachsen. Aber das störte
ihn nicht. In drei Tagen ist wieder Sauna, dann wird er abrasiert. Warum stundenlang
beim Friseur warten und Zeit verschwenden? Er brauchte sich ja für niemand
schönzumachen.
Während Schuchows Blick an Wdowuschkins schneeweißer
Mütze hängenblieb, erinnerte er sich an das Feldlazarett am Fluß
Lowatj, wohin er mit einer Kieferverletzung kam und sofort idiotische
Ungeduld freiwillig zu seiner Einheit zurückkehrte. Fünf Tage
hätte er dort liegen dürfen!
Und jetzt träumt er davon: für zwei, drei Wochen krank
werden, nicht lebensgefährlich und ohne Operation, aber im Krankenbau liegen
müssen er würde seine drei Wochen dort bleiben, ohne sich zu
rühren, würde Bouillon zu essen bekommen nicht schlecht. Aber
dann fiel Schuchow ein, daß man jetzt auch im Krankenbau keine Ruhe mehr
hatte. Mit irgendeinem Transport war ein neuer Doktor angekommen Stepan
Grigorjitsch, ein übereifriger Angeber, der immer geschäftig herumrannte
und auch den Kranken keine Ruhe gönnte: Er war auf die Idee gekommen, alle
Patienten, die nicht liegen mußten, zur Arbeit in Nähe des Lazaretts
hinauszutreiben; sie mußten Zäune errichten, Wege anlegen, Erde für
die Beete herbeischaffen und im Winter Schnee schippen. Er sagte, Arbeit
sei die beste Medizin.
Gäule können an zuviel Arbeit krepieren. Aber das muß
man erst mal wissen. Wenn er selbst mal als Maurer geschuftet hätte, würde
er sicher gern stillsitzen.
Wdowuschkin schrieb immer noch. Er war wirklich mit einer Schwarzarbeit,
einer für Schuchow unverständlichen Arbeit, beschäftigt. Er schrieb
ein langes Gedicht ins reine, das er gestern vollendet hatte und heute Stepan
Grigorjitsch, jenem Verfechter der Arbeitstherapie, zu zeigen versprochen hatte.
Wie es nur im Lager passieren konnte, hatte Stepan Grigorjitsch
Wdowuschkin geraten, sich als Arztgehilfe auszugeben, und ihm dann diesen Posten
verschafft. So lernte Wdowuschkin, ungebildeten Arbeitern, denen
es bei ihrer Gutgläubigkeit nie in den Sinn gekommen wäre, daß
der Arztgehilfe in Wirklichkeit gar keiner war, intravenöse Spritzen zu
geben. Kolja hatte Literatur studiert, im zweiten Studienjahr war er verhaftet
worden. Stepan Grigorjitsch wollte, daß er im Gefängnis schrieb,
was er in der Freiheit nicht schreiben durfte.
Durch die mit einer hellen Eisschicht bedeckten Doppelfenster drang
kaum hörbar das Signal zum Ausmarsch. Schuchow stand seufzend auf. Er hatte
noch immer leichten Schüttelfrost, aber anscheinend gelang es ihm nicht,
sich zu drücken. Wdowuschkin streckte die Hand nach dem Thermometer aus,
sah es an.
Siehst du, nichts Ganzes und nichts Halbes, siebenunddreißig
zwei. Wenn du achtunddreißig hättest, wäre die Sache jedem klar.
Ich kann dich nicht krank schreiben. Wenn du es riskieren willst, kannst du
hierbleiben. Wenn der Doktor nach der Untersuchung meint, daß du krank
bist, stellt er dich zurück. Wenn nicht, fliegst du als Drückeberger
in den Bunker. Geh lieber arbeiten.
Schuchow antwortete nicht, nickte nicht einmal, stülpte die
Mütze auf und ging hinaus.
Wer im Warmen sitzt, kann einen Frierenden nicht verstehen.
Die Kälte benahm ihm den Atem. Beißender Nebel umhüllte
ihn; er mußte husten. Draußen waren siebenundzwanzig Grad, Schuchow
hatte siebenunddreißig. Mal sehen, wer der Stärkere ist.
Im Trab rannte Schuchow zu seiner Baracke. Die Lagerstraße
war leer, das ganze Lager schien ausgestorben. Es war jener kurze, täuschende
Augenblick, in dem schon alle zum Aufbruch bereit sind und doch jeder so tut,
als sei gar nichts, als gebe es heute keinen Ausmarsch. Die Soldaten der Begleitmannschaft
sitzen in ihren warmen Räumen, lehnen schlaftrunken die Köpfe an die
Gewehre auch für sie ist es kein Zuckerlecken, bei diesem Frost
auf den Wachtürmen herumzustehen. Die Posten auf der Hauptwache schütten
noch einmal Kohlen auf. Die Aufseher sitzen noch in ihrer Baracke und rauchen
die letzte Selbstgedrehte zu Ende. Dann gehen sie die Sträflinge filzen.
Und die Häftlinge, in ihrem abgerissenen Zeug, alle möglichen Stricke
und Schnüre um den Leib gebunden, das Gesicht vom Kinn bis zu den Augen
gegen den Frost mit Lappen umwickelt liegen wie erstarrt, mit geschlossenen
Augen, in ihren Filzstiefeln auf den Decken ihrer Pritschen. Bis der Brigadier
brüllt: Aufstehen!
Auch die 104. Brigade in Baracke neun döste vor sich hin.
Nur der Hilfsbrigadier Pawlo bewegte leise die Lippen, während er mit dem
Bleistiftstummel etwas ausrechnete, und auf einer oberen Pritsche las Schuchows
Bettnachbar, der Baptist Aljoschka, ordentlich und sauber gewaschen, in seinem
Notizbuch, in das er sich das halbe Neue Testament abgeschrieben hatte.
Obwohl Schuchow in höchster Eile hereingestürzt kam,
bewegte er sich fast geräuschlos und geradewegs zur Pritsche des
Hilfsbrigadiers.
Pawlo sah auf.
Nicht im Bunker, Iwan Denissytsch? (Die Westukrainer
können es sich einfach nicht abgewöhnen, sogar im Lager reden sie
einen noch mit Vatersnamen und Sie an.)
Er reichte ihm die Ration vom Tisch. Auf dem Brot war ein Häufchen
Zucker wie ein kleiner weißer Berg.
Schuchow hatte es sehr eilig, trotzdem antwortete er höflich
(auch der Hilfsbrigadier ist ein Natschalnik, von ihm hängt mehr ab als
vom Lagerkommandanten).
Aber bei aller Eile er schnappte den Zucker mit den Lippen
auf, leckte das Brot ab, einen Fuß schon auf dem unteren Pritschenrand,
um nach oben zu klettern und das Bett zu bauen fand er noch Zeit, die
Ration genau zu besehen, in der Hand abzuwiegen, ob sie auch die ihm zustehenden
10 Gramm hatte. Tausende solcher Rationen hatte Schuchow schon in verschiedenen
Gefängnissen und Lagern bekommen, und obwohl er noch keine einzige auf
der Waage hatte kontrollieren können, obwohl er als schüchterner Mensch
nicht gewagt hätte, Krach zu schlagen und auf sein Recht zu pochen, wußte
er wie jeder Häftling, daß die Leute von der Brotausgabe schummeln
mußten, weil sonst das Brot nicht für alle reichen würde. An
jeder Ration fehlte ein bißchen die Frage war nur, wieviel? So
betrachtete man jeden Tag sein Stück, um die Seele zu beruhigen: Vielleicht
haben sie mich heute nicht so unverschämt übers Ohr gehauen? Vielleicht
stimmt die Ration ungefähr? Ungefähr zwanzig Gramm zuwenig
dachte Schuchow und brach das Stück Brot in zwei Hälften. Eine Hälfte
steckte er sich vorn unter die Weste, dort war eine kleine weiße Tasche
eingenäht (die Westen für die Häftlinge hatten normalerweise
keine Taschen). Die andere, beim Frühstück eingesparte Hälfte,
hätte er am liebsten sofort gegessen, aber was man eilig hinunterschlingt,
setzt nicht an, sättigt nicht. Er streckte schon den Arm aus, um die halbe
Ration in den Kasten zu legen, überlegte sichs aber anders, denn
ihm fiel ein, daß den Leuten vom Barackendienst schon zweimal Prügel
verpaßt worden waren, weil sie geklaut hatten. Die Baracke war groß,
ein Absteigequartier.
Ohne das Brot hinzulegen, zog Iwan Denissowitsch die Filzstiefel
aus, ließ geschickt die Fußlappen mitsamt dem Löffel darin,
kletterte barfuß nach oben, zerrte in der Matratze ein kleines Loch auseinander
und versteckte die halbe Ration in dem Sägemehl. Er riß sich die
Mütze vom Kopf, nahm Nadel und Faden heraus (sie waren tief im Futter versteckt,
weil beim Filzen auch die Mützen abgetastet wurden: Einmal hatte sich der
Aufseher an der Nadel gestochen und vor Wut Schuchow fast den Schädel eingeschlagen).
Ein Stich, noch einer, noch einer und das Loch war zu. Inzwischen hatte
sich der Zucker im Mund ganz aufgelöst. Alles in Schuchow war aufs äußerste
gespannt gleich wird der Einsatzleiter an der Tür losbrüllen.
Schuchows Finger bewegten sich flink, seine Gedanken eilten schon voraus, er
überlegte, was weiter zu tun sei. Der Baptist las nicht leise, sondern
flüsternd in seinem Testament (vielleicht tat er es absichtlich für
Schuchow, diese Baptisten machen gern Propaganda):
Niemand aber unter euch leide als ein Mörder oder Dieb
oder Übeltäter oder der in ein fremdes Amt greift. Leidet er aber
als ein Christ, so schäme er sich nicht; er ehre aber Gott in solchem Fall.
Eins bewunderte er an Aljoschka: Er versteckte sein Notizbuch so
geschickt in einer Wandritze, daß es noch bei keiner Filzung gefunden
worden war.
Mit denselben raschen Bewegungen hängte Schuchow seine Wattejacke
über einen Querbalken, zog seine Handschuhe unter der Matratze hervor,
außerdem ein Paar abgetragene Fußlappen, eine Schnur und einen Lappen
mit zwei Streifen daran. Er verteilte das Sägemehl möglichst gleichmäßig
in der Matratze (sie waren klumpig zusammengepreßt), stopfte die Decke
rundum fest, warf das Kopfkissen an seinen Platz kletterte mit bloßen
Füßen wieder hinunter und zog die Stiefel an, zuerst aber die guten
Fußlappen, darüber die abgetragenen.
In diesem Augenblick räusperte sich der Brigadier laut, stand
auf und bellte:
Aufstehen, Hundertvierte! Raustreten!
Sofort erhob sich die ganze Brigade, ob sie noch gedöst hatte
oder nicht, gähnte und marschierte zum Ausgang. Der Brigadier saß
schon neunzehn Jahre, er jagte keinen auch nur eine Minute zu früh hinaus.
Wenn er Raustreten! schrie, war es wirklich höchste Zeit.
Während die anderen seiner Brigade einer nach dem anderen
wortlos hinausstapften, durch den Korridor, dann durch den Vorraum auf die Vortreppe,
und der Brigadier der 20. ebenso wie Tjurin Raustreten! brüllte,
war Schuchow mit den doppelt gewickelten Fußlappen in die Filzstiefel
geschlüpft, hatte die Wattejacke über die Weste gezogen und mit einem
Strick gegürtet (hatte einer Lederriemen, so nahm man sie ihm ab, Lederriemen
sind im Sonderlager nicht erlaubt). Schuchow hatte glücklich alles erledigt
und holte im Vorraum die letzten aus seiner Brigade ein; ihre Rücken mit
den Nummern verschwanden durch die Tür zur Vortreppe. Dicklich, schwerfällig,
weil sie alle Kleidungsstücke anhatten, die sie besaßen, gingen die
Männer im Gänsemarsch zur Lagerstraße, bestrebt, einander nicht
zu überholen. Ihre Stiefel knirschten auf dem Schnee.
Es war immer noch dunkel, obwohl der Himmel im Osten schon heller
wurde und grünlich schimmerte. Von Osten wehte ein dünner, bösartiger
Wind. Das war der bitterste Augenblick dieser Ausmarsch am Morgen. In
die Dunkelheit hinaus, durch den Frost, mit hungrigem Bauch, für einen
ganzen Tag. Die Zunge ist wie gelähmt, man mag nicht reden.
An der Lagerstraße rannte der stellvertretende Einsatzleiter
hin und her.
Na, Tjurin, wie lange sollen wir noch warten? Hinkst du wieder
mal nach?
Diesen Unteroffizier fürchtete Schuchow vielleicht, nicht
aber Tjurin. Der würde bei dieser Kälte seinetwegen nicht den Mund
aufmachen, wenns nicht nötig war. Er stapfte schweigend weiter. Und
die Brigade ihm nach durch den Schnee: tapp-tapp, knarr-knarr.
Das Kilo Speck hatte er offenbar abgeliefert denn die Hundertvierte
kam wieder zu ihrer alten Kolonne, man sah es an den Nachbarbrigaden. In die
Sozsiedlung würden sie Ärmere und Dümmere abschieben. Das mußte
heute entsetzlich sein: siebenundzwanzig Grad, dazu dieser Wind, und nirgends
ein Unterschlupf!
Der Brigadier braucht viel Speck: für die Plan- und Produktionsabteilung
und für den eigenen Wanst. Er selbst bekommt zwar keine Pakete geschickt
trotzdem sitzt es niemals auf dem trockenen. Wer von der Brigade etwas
bekommt bringt ihm gleich seinen Anteil. Nur so kann man überleben.
Der oberste Einsatzleiter notiert etwas auf seinem Brett: Von
deinen Leuten ist einer krank, Tjurin, dreiundzwanzig rücken aus?
Ja, nickt der Brigadier.
Wer fehlt denn? Panteiejew. Der ist doch nicht krank!
Sofort geht ein Flüstern durch die Brigade: Panteiejew, dieser
Hund, bleibt schon wieder im Lager. Er ist gar nicht krank, der Politoffizier
hat ihn freigestellt. Wird wieder jemand verpfeifen.
Tagsüber können sie ihn ungestört holen, stundenlang
dortbehalten, kein Mensch hat etwas gesehen oder gehört.
Und hier wird er als Kranker eingetragen ...
Die ganze Lagerstraße war schwarz von Wattejacken
langsam rückten die Brigaden zum Filzen vor. Da fiel es Schuchow ein, daß
er die Nummer auf seiner Weste erneuern lassen mußte, er drängelte
sich quer durch die Kolonne auf die andere Seite der Lagerstraße. Dort
standen schon ein paar Häftlinge beim Maler Schlange. Auch Schuchow stellte
sich an. Diese Nummer bringt unsereinem nur Ärger, der Aufseher erkennt
einen schon von weitem daran, jeder Konvoisoldat kann sie sich notieren, und
wenn man sie nicht rechtzeitig erneuern läßt kriegt man Bunker:
Warum kümmerst du dich nicht um die Nummer?
Im Lager gibt es drei Maler, sie malen für die Chefs kostenlos
Bilder, außerdem kommen sie abwechselnd morgens zum Ausmarsch, um Nummern
zu pinseln.
Heute ist der Alte mit dem grauen Bärtchen dran. Wenn er mit
seinem Pinsel die Nummer auf der Mütze nachzieht denkt man, der
Pope salbt einem die Stirn mit Öl.
Er pinselt und pinselt und haucht in seinen Handschuh. Der Handschuh
ist gestrickt, dünn, die Hand erstarrt, bringt die Nummern kaum zustande.
Der Maler hatte das S-854 auf Schuchows Weste erneuert,
und Schuchow rannte seiner Brigade nach, ohne die Wattejacke zuzuknöpfen,
und mit dem Strick in der Hand, weil sie ja doch gleich gefilzt wurden. Und
er bemerkte sofort, daß Caesar, einer aus seiner Brigade, rauchte. Er
rauchte nicht Pfeife wie sonst, sondern eine Zigarette also konnte man
einen Zug bei ihm schnorren. Aber Schuchow bat ihn nicht geradeheraus darum,
er blieb nur dicht neben Caesar stehen und streifte ihn mit einem halben Blick.
Scheinbar gleichgültig sah er an ihm vorbei, aber er beobachtete
genau, wie die Zigarette allmählich kürzer wurde (Caesar zog nur ab
und zu gedankenverloren daran), wie sich der Rand rotglühender Asche weiterbewegte
und allmählich der Zigarettenspitze näherte.
Da machte sich Fetjukow heran, dieser Schakal, stellte sich genau
vor Caesar hin und starrte ihm auf den Mund, mit glühenden Augen.
Schuchow besaß kein Krümelchen Tabak mehr, und bis zum
Abend hatte er keine Aussicht, sich welchen zu beschaffen. Er zitterte innerlich
vor Spannung, und der Zigarettenstummel schien ihm kostbarer als die Freiheit
zu sein, aber er würde sich nie so erniedrigen wie Fetjukow und einem anderen
auf den Mund starren.
In Caesar hatten sich wohl alle Rassen gemischt: Es ließ
sich nicht ausmachen, ob er Grieche, Jude oder Zigeuner war. Er war noch jung.
Hatte Filme gedreht. Aber er hatte den ersten noch nicht beendet, als er verhaftet
wurde. Er trug einen dichten schwarzen Schnurrbart. Den hatte man ihm hier nicht
abrasiert, weil er auf dem Foto in seinen Akten genauso aussah.
Caesar Markowitsch! Fetjukow, der es nicht mehr aushielt,
sagte sabbernd: Lassen Sie mich nur einmal ziehen!
Sein Gesicht war von Gier verzerrt.
Caesar hob die Augenlider ein wenig, die halb geschlossen über
den schwarzen Augen lagen, und sah Fetjukow an. Deswegen hatte er sich angewöhnt,
Pfeife zu rauchen, damit ihn niemand störte und um den Zigarettenstummel
bat. Es tat ihm nicht um den Tabak leid, sondern um den unterbrochenen Gedankengang.
Er rauchte, um sich auf einen wichtigen Gedanken zu konzentrieren und ihn auszuspinnen.
Aber kaum zündete er sich eine Zigarette an, las er in mehreren Augenpaaren:
Laß mir was übrig. Caesar drehte sich zu Schuchow um
und sagte:
Da nimm, Iwan Denissytsch!
Mit Daumen und Zeigefinger drehte er den glühenden Zigarettenstummel
aus der kurzen Bernsteinspitze.
Schuchow zuckte zusammen (er hatte damit gerechnet, daß Caesar
ihm die Kippe von selber anbieten würde), mit einer Hand nahm er hastig,
dankbar das Zigarettenende, die andere hielt er schützend darunter, damit
es nicht auf die Erde fiel. Er war nicht beleidigt, daß Caesar ihn nicht
aus der Bernsteinspitze rauchen ließ (die einen haben einen sauberen Mund,
die anderen einen stinkigen), und seine schwieligen Finger waren unempfindlich
gegen die Glut. Hauptsache er hatte diesem Schakal Fetjukow eins ausgewischt.
Und nun zog er den Rauch ein, bis er sich die Lippen an der Glut versengte.
Hmmm! Der Rauch durchdrang den hungrigen Körper, Schuchow spürte es
sofort in den Beinen und im Kopf.
Kaum hatte das Wohlgefühl seinen ganzen Körper durchströmt,
als Iwan Denissowitsch die anderen rufen hörte:
Sie nehmen uns die Unterhemden ab.
So ist das Leben des Sträflings. Schuchow hatte sich daran
gewöhnt: Sieh dich nur vor, daß sie dir nicht an die Gurgel fahren.
Warum die Hemden? Der Kommandant selbst hat sie doch ausgeben lassen?
... Da stimmt was nicht ...
Vor ihnen mußten noch zwei Brigaden gefilzt werden, und jetzt
konnte die ganze 104. sehen: Der diensthabende Natschalnik, Leutnant Wolkowoj,
war aus der Stabsbaracke herübergekommen und schrie den Aufsehern etwas
zu. Und die Aufseher, die eben noch nachlässig gefilzt hatten, wurden wild,
stürzten sich wie Tiere auf die Häftlinge, und der Oberaufseher brüllte:
Hemden aufknöpfen!
Nicht nur die Häftlinge und die Aufseher fürchteten Wolkowoj,
es hieß sogar, der Lagerkommandant hätte Angst vor ihm. Gott hatte
den Schurken gekennzeichnet, hatte ihm einen schönen Namen gegeben!
Wolkowoj sah wirklich aus wie ein Wolf. Dunkelhaarig, lang aufgeschossen, mit
finsterem Gesicht und überall zur gleichen Zeit. Tauchte plötzlich
hinter einer Baracke auf: Was soll die Versammlung hier? Man konnte
ihm einfach nicht entgehen. Anfangs trug er immer eine Peitsche bei sich, armlang,
aus Leder geflochten. Es hieß, daß er im Lagergefängnis Häftlinge
damit prügelte. Oder abends, wenn die Häftlinge sich zum Zählappell
vor der Baracke zusammendrängten, schlich er sich von hinten an sie heran
und schlug einem mit der Peitsche ins Genick: Warum stehst du nicht im
Glied, Sauhund! Wie eine Welle wich die Menge vor ihm zurück.
Der Getroffene faßte sich in den Nacken, wischte schweigend
das Blut ab: damit er ihn nicht auch noch in den Bunker steckte.
Aus irgendwelchen Gründen trug er jetzt die Peitsche nicht
mehr bei sich. Bei Frost waren die normalen Filzungen, wenigstens morgens, nicht
besonders streng: Der Häftling knöpfte seine Wattejacke auf und schlug
die Rockschöße seitwärts zurück. Zu fünft traten sie
vor, fünf Aufseher standen ihnen gegenüber. Sie tasteten die umgürteten
Westen an den Seiten ab, klopften auf die einzige erlaubte Tasche über
dem rechten Knie sie trugen Handschuhe, und wenn sie etwas Verdächtiges
fühlten, zogen sie es nicht sofort heraus, sondern fragten träge:
Was ist das?
Was soll man auch morgens bei einem Häftling suchen? Ein Messer?
Die trägt man doch nicht aus dem Lager hinaus, sondern hinein. Morgens
muß kontrolliert werde, ob nicht einer drei Kilo Proviant bei sich hat,
um damit zu türmen. Eine Zeitlang waren sie wegen dem bißchen Brot,
diesen zweihundert Gramm zum Mittag, so hysterisch, daß folgende Anordnung
erlassen wurde: Jede Brigade muß sich einen Holzkoffer machen und darin
das gesamte Brot der Brigade transportieren, jeder hat sein Stückchen abzugeben.
Was sie sich davon versprachen, war unerfindlich, wahrscheinlich wollten sie
die Häftlinge nur quälen, ihnen eine zusätzliche Sorge aufladen:
Man versucht, sich die angebissene Ration zu merken, wenn man sie in den Koffer
legt, aber ein Stück sieht doch wie das andere aus, alles das gleiche Brot,
und den ganzen Weg denkt man unruhig daran, daß man nicht sein eigenes
Stück wiederbekommt; deswegen gibts später Streitereien, manchmal
sogar eine Schlägerei. Aber dann türmten eines Tages drei Mann mit
einem Auto von der Arbeitsstelle und nahmen einen Brotkoffer mit. Da kam die
Lagerleitung wieder zur Vernunft, und die Koffer wurden auf der Wache kurz und
klein gehackt. Jeder soll seine Ration wieder selbst tragen, hieß das.
Morgens müssen sie auch kontrollieren, ob nicht jemand unter seiner Häftlingskleidung
einen Zivilanzug trägt. Aber alle Zivilklamotten sind ja längst kassiert
worden. Nach Verbüßung der Strafe bekommt man sie zurück, hieß
es. Aber bis jetzt ist noch keiner aus diesem Lager entlassen worden.
Außerdem wird kontrolliert, ob nicht jemand Briefe bei sich
hat, um sie durch einen Freien abschicken zu lassen. Aber wenn man
jeden einzelnen nach Briefen filzen wollte, dann ginge der ganze Vormittag drauf.
Nun hat Wolkowoj den Aufsehern den Befehl zum Filzen zugebrüllt
und sie ziehen schnell die Handschuhe aus, befehlen den Häftlingen,
die Westen zu öffnen (die noch ein wenig Barackenwärme speicherten),
die Hemden aufzuknöpfen, und dann tasten sie jeden ab, ob er nicht vorschriftswidrig
noch etwas darunter anhat. Dem Sträfling stehen zwei Hemden zu, ein Unter-
und ein Oberhemd, alles übrige ausziehen! so gaben die Häftlinge Wolkowojs
Befehl von einer Reihe zur anderen weiter. Die Brigaden, die bereits gefilzt
waren, hatten Glück gehabt, einige waren auch schon außerhalb des
Lagertors, aber die noch hier standen Los, Jacke aufmachen! Wer zuviel
anhatte, mußte es sofort ausziehen, hier in dieser Kälte!
Aber mit dieser Prozedur kamen sie heute nicht weit:
Am Lagertor gabs schon Luft, die Wachtposten brüllten:
Vorwärts, vorwärts! Bei der 104. ließ Wolkowoj Gnade
vor Recht ergehen: aufschreiben, wer zuviel anhat, abends muß der Betreffende
das Zeug selber in der Kammer abliefern, mit einer schriftlichen Erklärung,
wie und warum er es verheimlicht hat.
Schuchow trug nur Lagerkleidung, da, fühl nach nur
Brust und Seele drunter, aber bei Caesar schrieben sie ein Flanellhemd auf und
bei Bujnowskij eine Art Weste oder Seelenwärmer. Da brüllt Bujnowskij
los, wie er es auf seinen Torpedobooten gewöhnt war er war erst
drei Monate im Lager:
Ihr habt kein Recht dazu, die Leute bei dieser Kälte
auszuziehen! Ihr kennt Artikel Neun des Strafgesetzbuches nicht!
Haben sie. Kennen sie. Du weißt noch nicht, was hier los
ist, mein Lieber!
Ihr seid keine Sowjetmenschen! donnert der Kapitän
sie an. Ihr seid keine Kommunisten!
Das mit Artikel Neun hatte Wolkowoj noch geschluckt, aber jetzt
schoß er wie ein schwarzer Blitz dazwischen:
Zehn Tage verschärften Arrest!
Und etwas leiser zum Sergeanten:
Meldung erst heut abend.
Morgens stecken sie einen nicht gern in den Bunker, weil dann ein
Arbeitstag verlorengeht. Der Kerl soll erst seinen Tag abschuften, abends in
den Bau mit ihm!
Linkerhand von der Lagerstraße war das Gefängnis, ein
Steinbau mit zwei Flügeln. Der zweite Flügel wurde erst in diesem
Herbst angebaut, weil einer nicht ausreichte. Das Gefängnis hatte achtzehn
Blöcke, die in Einzelzellen unterteilt waren. Das ganze Lager bestand aus
Holzbaracken, nur das Gefängnis war aus Stein.
Die Kälte war unters Hemd gekrochen, jetzt kriegte man sie
nicht mehr heraus. Wie sehr sich die Häftlinge auch eingemummt hatten
alles für die Katz. Und Schuchow spürt im Rücken immer noch dieses
Ziehen. Jetzt im Krankenbau liegen und schlafen. Mehr möchte er
nicht. Nur noch eine möglichst schwere Bettdecke.
Die Häftlinge stehen vor dem Tor, knöpfen sich wieder
zu, binden ihre Stricke um, draußen schreien die Soldaten:
Vorwärts! Vorwärts!
Und der Einsatzleiter knufft sie in den Rücken: Vorwärts!
Vorwärts!
Das erste Tor. Die Vorzone. Das zweite Tor. Und neben der Wache
an beiden Seiten Absperrungen.
Halt! schreit der Posten. Wie eine Hammelherde!
In Fünferreihen aufstellen!
Es dämmert schon. Das Feuer, das die Begleitmannschaft hinter
der Wache angezündet hatte, war fast niedergebrannt. Vor dem Ausmarsch
machen sie immer ein Feuer um sich daran zu wärmen und um besser
abzählen zu können.
Ein Wachtposten zählte mit lauter, scharfer Stimme:
Eins! Zwei! Drei!
Die Fünferreihen lösten sich von der Kolonne und gingen
in Abständen vorwärts, so daß man sie von hinten wie von vorn
gleich gut sehen konnte: fünf Köpfe, fünf Rücken, fünf
Paar Beine.
Der zweite Wachtposten steht schweigend an der Absperrung, er kontrolliert
noch einmal, ob die Zahl stimmt.
Und ein Leutnant steht daneben, sieht zu.
Das ist die Lagerkontrolle.
Ein Mensch ist kostbarer als Gold. Wenn hinter dem Stacheldraht
auch nur einer fehlt, kommst du selber ins Loch. Die Brigade schließt
sich wieder zusammen.
Jetzt zählt der Sergeant der Begleitmannschaft ab:
Eins! Zwei! Drei!
Wieder trennen die Fünferreihen sich voneinander und gehen
einzeln vorwärts.
Und der stellvertretende Mannschaftsführer zählt von
der anderen Seite nach.
Und dann noch ein Leutnant.
So kontrolliert die Begleitmannschaft.
Ein Fehler wäre verhängnisvoll. Quittiert man für
einen fehlenden Kopf, dann muß man den eigenen dafür hinhalten.
Und erst das Aufgebot an Begleitsoldaten! Im Halbkreis umstehen
sie die Kolonne für das Wärmekraftwerk, die Maschinenpistolen im Anschlag,
zielen einem genau in die Visage. Dann die Hundeführer mit den grauen Hunden.
Einer fletscht die Zähne, als ob er die Häftlinge auslache. Die Soldaten
tragen alle Halbpelze, nur sechs von ihnen haben lange Pelzmäntel an. Die
Pelzmäntel bekommen immer die Posten auf den Wachttürmen.
Noch einmal zählte die Begleitmannschaft die ganze Kolonne
für das Kraftwerk ab und brachte die Brigaden durcheinander.
Bei Sonnenaufgang ist die Kälte immer am größten,
erklärte der Kapitän, weil da der tiefste Punkt der nächtlichen
Abkühlung erreicht ist.
Der Kapitän gibt gern solche Erklärungen. Welchen Mond
wir haben, ob er zu- oder abnimmt das kann er dir für jeden Tag
in jedem beliebigen Jahr berechnen.
Man sieht es dem Kapitän an, wie dreckig es ihm geht, sein
Gesicht ist ganz eingefallen trotzdem ist er guten Muts.
Hier draußen im Freien, wo ständig ein leichter Wind
wehte, brannte der Frost sogar auf Schuchows Gesicht, das doch jedes Wetter
gewöhnt war. Da er schnell heraus hatte, daß der Wind ihm auf dem
ganzen Weg zum Kraftwerk ins Gesicht wehen würde, beschloß er, sich
den Lappen vorzubinden. Diesen Lappen mit zwei langen Streifen daran trug er
wie viele andere Häftlinge bei sich. Sie fanden, daß der Lappen den
Gegenwind abhielt. Schuchow deckte das Gesicht bis zu den Augen damit zu, führte
die Streifen unter den Ohren entlang bis in den Nacken und band sie zusammen.
Dann zog er den Umschlag der Mütze in den Nacken und stellte den Kragen
der Wattejacke hoch. Den vorderen Aufschlag der Mütze zog er tief in die
Stirn. Nur die Augen waren noch sichtbar. Die Wattejacke band er in der Taille
mit dem Strick fest zusammen. Jetzt war alles in Ordnung bis auf die
abgetragenen Fausthandschuhe und die froststarren Hände darin. Er rieb
und schlug sie gegeneinander, weil er wußte, daß er sie den ganzen
Weg auf dem Rücken halten mußte.
Der Mannschaftsführer verlas das tägliche Gebet,
das allen zum Hals heraushing:
Achtung, Strafgefangene! Während des Marsches ist in
der Kolonne strengste Ordnung einzuhalten! Nicht zurückbleiben, nicht zu
dicht aufrücken, nicht aus einer Fünferreihe in eine andere überwechseln,
nicht miteinander reden, nicht zur Seite blicken, die Hände immer auf dem
Rücken halten! Ein Schritt nach links oder rechts gilt als Fluchtversuch,
die Soldaten eröffnen das Feuer ohne vorherige Warnung! Kolonnenführer,
Schritt marsch!
Die beiden vorderen Konvoisoldaten hatten sich anscheinend in Bewegung
gesetzt. Die Kolonne schwankte vorwärts, die Schultern wogten auf und ab,
in zwanzig Schritt Entfernung gingen rechts und links die Soldaten, immer zehn
Schritte Abstand haltend, die Maschinenpistolen schußbereit.
Seit einer Woche hatte es nicht mehr geschneit, der Schnee auf
dem Weg war festgetreten. Sie gingen im Bogen um das Lager herum der
Wind fuhr ihnen jetzt schräg ins Gesicht. Die Arme auf dem Rücken,
die Köpfe gesenkt, marschierte die Kolonne wie zu einer Beerdigung. Die
Beine von zwei, drei Leuten vor einem und ein Fleckchen zertrampelten Bodens
unter den eigenen Füßen das war alles, was man sah. Ab und
zu brüllte ein Posten: J-48! Hände auf den Rücken!,
B-502! Aufschließen! Dann schrien sie immer seltener: der
schneidende Wind behinderte die Sicht. Sie durften sich keine Lappen vors Gesicht
binden. Auch kein beneidenswerter Dienst ...
Wenn es wärmer war, unterhielten sich alle in der Kolonne
ob man sie anbrüllte oder nicht. Heute aber gingen alle mit eingezogenem
Kopf, jeder versteckte sich hinter dem Rücken seines Vordermannes und hing
den eigenen Gedanken nach.
Auch die Gedanken des Häftlings sind unfrei, konzentrieren
sich immer wieder auf eins, drehen sich ständig um dasselbe: Hoffentlich
entdeckt niemand die Ration in der Matratze! Ob sie mich abends krank schreiben?
Muß der Kapitän nun in den Bunker oder nicht? Wo hat Caesar die warme
Unterwäsche her? Sicher aus der Kammer, hat dort einen geschmiert.
Weil Schuchow nur die kalte Suppe ohne Brot gegessen hatte, fühlte
er sich heute noch hungrig. Damit sein Magen nicht zu knurren anfing und nicht
nach Essen verlangte, dachte Schuchow nicht mehr ans Lager, sondern an den Brief,
den er bald nach Hause schreiben wollte.
Die Kolonne passierte das Holzverarbeitungswerk, das die Häftlinge
gebaut hatten, dann ein Wohnviertel (auch diese Baracken hatten die Häftlinge
aufgestellt, jetzt wohnten Freie darin), dann den neuen Klub (vom Fundament
bis zum Anstrich alles Häftlingsarbeit, aber ins Kino dort gehen nur die
Freien), und dann marschierte die Kolonne, dem Wind und dem Sonnenaufgang direkt
entgegen, in die Steppe hinaus. Zu beiden Seiten bis zum Horizont nur die kahle
weiße Schneefläche, in der ganzen Steppe nicht ein einziger armseliger
Baum.
Das Jahr, Einundfünfzig, hatte gerade begonnen, in diesem
Jahr durfte Schuchow zwei Briefe schreiben. Den letzten hatte er im Juli abgeschickt,
die Antwort im Oktober erhalten. In Ust-Ischma war es anders gewesen, dort konnte
man, wenn man wollte, jeden Monat schreiben. Aber was sollte er viel schreiben?
Damals hatte Schuchow auch nicht öfter als jetzt nach Hause geschrieben.
Am dreiundzwanzigsten Juni Einundvierzig hatte Schuchow seine Familie
verlassen müssen. Am Sonntag kamen die Leute von Polomna aus der Messe
und sagten: Es ist Krieg. Der Postbeamte in Polomna hatte es erfahren, in Temgenjowo
besaß vor dem Krieg noch kein Mensch ein Radio. Jetzt lärmt in jedem
Haus ein Radio, Drahtfunk, schreiben sie.
Einen Brief schreiben, das ist, wie wenn man Steinchen in ein tiefes
Wasser wirft. Was dort hineinfällt, ist spurlos verschwunden nichts
erinnert mehr daran. Soll man etwa schreiben, in welcher Brigade man arbeitet,
wie der Brigadier Andrej Prokofjewitsch Tjurin ist? Mittlerweile hat man mit
Kilgas, dem Letten, mehr zu bereden als mit den eigenen Angehörigen.
Sie schreiben auch nur zweimal im Jahr man kann sich ihr
Leben da draußen gar nicht mehr vorstellen. Sie berichten von einem neuen
Kolchosvorsitzenden jedes Jahr haben sie doch einen neuen. Die Kolchose
ist vergrößert worden früher wurden die Kolchosen auch
zusammengelegt und dann wieder geteilt. Ja, und wer seine Arbeitsnorm nicht
erfüllt, muß sein Hofland bis auf fünfzehn Ar abgeben, manchmal
sogar alles.
Was Schuchow dagegen nicht in den Kopf will: Auf der Kolchose arbeitet
seit dem Krieg nicht eine Seele mehr als früher. Wie seine Frau schreibt,
gehen die Burschen und Mädchen, wenn sie es irgendwie schaffen, fast ausnahmslos
als Fabrikarbeiter in die Stadt oder in den Torfbruch. Von den Männern
ist die Hälfte nicht aus dem Krieg zurückgekehrt, die übrigen
wollen mit der Kolchose nichts mehr zu tun haben: Sie wohnen noch im Dorf, arbeiten
aber auswärts. Die einzigen Männer in der Kolchose sind der Brigadier
Sachar Wassiljitsch und der Zimmermann Tichon mit seinen vierundachtzig Jahren,
vor kurzem hat er noch geheiratet, Kinder sind auch schon da. Die Frauen, die
schon seit Neunzehnhundertdreißig die Kolchose bestellen, rackern sich
heute noch dort ab.
Das kann und kann Schuchow nicht begreifen: im Dorf wohnen, auswärts
arbeiten. Schuchow kannte das Leben eines Einzelbauern und eines Kolchosarbeiters,
aber daß die Bauern nicht im eigenen Dorf arbeiten, kann er nicht gutheißen.
Gingen sie auf Saisonarbeit oder so was? Und was machen sie während der
Heumahd?
Saisonarbeit, antwortete seine Frau ihm, gibts schon lange
nicht mehr. Die Männer gehen nicht mehr als Zimmerleute, wofür ihre
Gegend früher berühmt war, flechten keine Bastkörbe mehr, weil
sie niemand verlangt. Dafür gibt es jetzt ein neues, kurzweiliges Gewerbe
Teppiche pinseln. Irgend jemand brachte Malschablonen aus dem Krieg mit,
seitdem ist es weit verbreitet, und immer mehr dieser kunstfertigen Pinsler
tauchen auf: Sie sind nirgendwo fest angestellt, arbeiten nirgendwo, einen Monat
helfen sie auf der Kolchose, zur Zeit der Heumahd und der Ernte, dann gibt die
Kolchose ihnen für die übrigen elf Monate eine Bescheinigung, daß
der Kolchosangehörige Soundso privater Angelegenheiten wegen beurlaubt
ist und keine Forderungen an ihn bestehen. Sie reisen kreuz und quer durchs
Land, sogar mit dem Flugzeug, weil sie mit ihrer Zeit haushalten, Tausende streichen
sie auf diese Weise ein, und überall malen sie Wandteppiche: das Stück
für fünfzig Rubel, auf jedem alten Bettlaken für einen
Teppich braucht man ungefähr eine Stunde, nicht mehr. Und seine Frau hegt
die feste Hoffnung, daß Iwan eines Tages heimkehrt und auch solch ein
Maler wird. Dann kommen sie endlich aus der Armut heraus, die ihr das Leben
schwermacht, die Kinder können aufs Technikum gehen, und anstelle der alten,
morschen Hütte bauen sie sich eine neue. Alle diese Pinsler bauen sich
Häuser, in der Nähe der Eisenbahn kostet ein Haus jetzt nicht mehr
fünftausend wie früher, sondern fünfundzwanzig.
Da bat er seine Frau, ihm zu beschreiben wie er denn ein
Maler werden sollte, wo er doch überhaupt nicht zeichnen konnte? Und was
für merkwürdige Wandteppiche das seien, was darauf gemalt sei? Die
Frau antwortete ihm, nur ein Dummkopf könne sie nicht bemalen: Man legt
die Schablone aufs Tuch und streicht mit dem Pinsel über die Löcher.
Es gibt drei verschiedene Teppichschablonen: Troika ein Dreigespann
mit schönem Geschirr zieht einen Schlitten, in dem ein Husarenoffizier
sitzt, dann Der Hirsch, und die dritte hat ein persisches Motiv.
Andere Muster gibt es nicht, aber mit diesen sind die Leute überall sehr
zufrieden und reißen sie einem aus der Hand. Weil ein echter Teppich nicht
fünfzig, sondern Tausende kostet.
Schuchow möchte zu gern einmal einen Blick auf diese Teppiche
werfen ...
Während seiner Lager- und Gefängniszeit hatte Iwan Denissowitsch
es sich ganz abgewöhnt zu überlegen, was morgen, was in einem Jahr
sein wird und wovon er die Familie ernähren soll. Über alles denkt
die Lagerleitung für ihn nach so ist es auch einfacher. Zwei Winter
und zwei Sommer muß er ja noch sitzen. Aber diese Teppiche haben es ihm
angetan ...
Anscheinend ein leichter, schneller Verdienst. Und außerdem
wäre es kränkend, hinter den andern im Dorf zurückzustehen. Aber
ehrlich gestanden, Iwan Denissowitsch hatte keine Lust, sich auf dieses Teppichgeschäft
einzulassen. Dazu brauchte man Dreistigkeit und Unverfrorenheit, mußte
den oder jenen schmieren. Schuchow hatte seine vierzig Jahre auf dem Buckel,
nur noch die Hälfte seiner Zähne und eine Glatze, er hatte noch nie
jemand geschmiert und sich von niemand schmieren lassen, selbst im Lager hatte
er es nicht gelernt.
Leichtverdientes Geld hat kein Gewicht, man spürt gar nicht,
daß man dafür gearbeitet hat. Die Alten hatten mit ihrem Spruch ganz
recht: Was man nicht bezahlt, trägt man auch nicht heim. Schuchow hat noch
kräftige Hände, die zupacken können, es wäre doch gelacht,
wenn er nach seiner Entlassung nicht eine Arbeit als Ofensetzer oder Tischler
oder Klempner finden würde!
Aber da gabs ein Hindernis: Wer unter Aberkennung der bürgerlichen
Ehrenrechte verurteilt worden war, bekam nirgends Arbeit und durfte nicht an
seinen alten Wohnsitz zurückkehren.
Inzwischen hatte die Kolonne vor der Wache der ausgedehnten Baustelle
haltgemacht. Schon vorher, an einer Ecke der Bauzone, hatten sich zwei Soldaten
in Pelzmänteln von der Kolonne getrennt und waren über das Feld zu
ihren entfernt gelegenen Wachttürmen gestapft. Ehe nicht alle Türme
mit Posten besetzt waren, wurde niemand in die Zone gelassen. Der Begleitkommandoführer
ging mit der Maschinenpistole über der Schulter zur Wache. Aus dem Schornstein
steigt ununterbrochen dicker Rauch: Ein Freier sitzt dort die ganze Nacht, damit
nicht Bretter oder Zement von der Baustelle gestohlen werden.
Genau hinter dem Gittertor, hinter der Baustelle und dem weit entfernten
Stacheldrahtzaun auf der gegenüberliegenden Seite, geht die Sonne groß,
rot, dunstverschleiert auf. Aljoschka, neben Schuchow, sieht in die Sonne und
freut sich, ein Lächeln um die Lippen. Sein Gesicht ist eingefallen, er
muß mit seiner Ration auskommen, verdient sich nirgendwo etwas dazu
worüber freut er sich? Sonntags hockt er mit den anderen Baptisten zusammen.
Sie schütteln das Lager von sich ab wie die Gans das Wasser.
Der Gesichtsschutz, dieses Läppchen, war während des
Marsches vom Atmen ganz feucht geworden und in der Kälte zu einer Eiskruste
erstarrt. Schuchow streifte ihn vom Gesicht, ließ ihn um den Hals hängen
und stellte sich mit dem Rücken gegen den Wind. Er hatte den Marsch ganz
gut überstanden, nur die Hände in den abgetragenen Fausthandschuhen
waren durchfroren, und die Zehen am linken Fuß taub vor Kälte: Der
linke Stiefel war versengt und schon zweimal geflickt.
Im Kreuz und im Rücken bis zu den Schultern hinauf zieht und
reißt es wie soll er heute arbeiten?
Er sah sich um dem Brigadier, der in der Fünferreihe
hinter ihm marschiert war, gerade ins Gesicht. Der Brigadier ist breitschultrig
und hat ein breites Gesicht. Er sieht finster aus. Er geht mit seiner Brigade
nicht gerade zimperlich um, aber er kümmert sich um die Verpflegung, sorgt
für große Rationen. Er sitzt schon zum zweitenmal, als besonderer
Liebling der GULag* kennt er die Lagersitten in- und auswendig.
* GULag Oberste Verwaltung der Lager (Goßudarstwennoje
Uprawlenije Lageri)
Der Brigadier ist im Lager alles: ein guter Brigadier schenkt dir
ein zweites Leben, ein schlechter bringt dich unter die Erde. Schuchow kannte
Andrej Prokofjewitsch schon in Ust-Ischma, nur war er damals noch nicht in seiner
Brigade. Als dann die Achtundfünfziger aus dem gewöhnlichen Lager
hierher, ins Sonderlager, geschafft wurden, nahm Tjurin ihn in seine Brigade.
Mit dem Lagerkommandanten, der Plan- und Produktionsabteilung, den Bauführern
und Ingenieuren hat Schuchow nichts zu tun: überall steht der Brigadier
für ihn ein, er hat eine stählerne Brust. Aber wenn er nur eine Braue
runzelt oder mit dem Finger winkt tu sofort, was er dir sagt. Hau alle
im Lager übers Ohr, nur nicht Andrej Prokofjitsch. Dann bleibst du am Leben.
Schuchow möchte den Brigadier fragen, ob sie an ihrer gestrigen
Arbeitsstelle bleiben oder woanders hinkommen aber er fürchtet sich,
seinen hohen Gedankenflug zu unterbrechen. Gerade erst hat er sie vor der Sozsiedlung
bewahrt, jetzt überschlägt er vermutlich die Prozente, denn von der
Normerfüllung hängt die Verpflegung für die folgenden fünf
Tage ab.
Das Gesicht des Brigadiers ist mit breiten Pockennarben bedeckt.
Er steht gegen den Wind verzieht das Gesicht nicht, die Haut ist wie
Eichenrinde.
Die Männer in der Kolonne schlagen die Arme gegeneinander,
trampeln mit den Füßen. Gemeiner Wind! Sie hocken doch schon alle
auf den Wachttürmen, die sechs Kakadus, und trotzdem dürfen die Häftlinge
immer noch nicht in die Zone. Übertriebene Wachsamkeit.
Na endlich! Der Mannschaftsführer und der Kontrollposten kamen
aus der Wache, stellten sich zu beiden Seiten des Tores auf, und das Tor wurde
geöffnet.
In Fünferreihen antreten! Eins! Zwei!
Die Sträflinge marschierten wie bei einer Parade. Nichts wie
rein, und dort braucht uns niemand zu belehren, was wir zu tun haben.
Gleich hinter der Wache ist das Kontor, vor dem Kontor steht der
Bauführer und winkt die Brigadiere herbei, die sich ohnehin an ihn wenden.
Auch der Häftling Derr, ein Vorarbeiter, geht zu ihm hin, ein gemeiner
Lump, hetzt seinesgleichen schlimmer als ein Wachhund. Acht Uhr, fünf nach
acht (eben hat der Werkszug gepfiffen), die Vorgesetzten haben nur die eine
Sorge, die Häftlinge könnten Zeit vertrödeln, sich in die Wärmeräume
verziehen, denn die Sträflinge haben einen langen Tag vor sich und lassen
sich Zeit. Wer die Bauzone betritt, bückt sich oft: hier ein Span, dort
ein Span, Feuer für unseren Ofen. Und dann verschwinden sie in ihren Schlupflöchern.
Tjurin befahl seinem Gehilfen Pawlo, mit ins Kontor zu kommen. Auch Caesar schlug
diese Richtung ein. Caesar ist reich, zwei Pakete im Monat, wenn nötig,
steckt er jemandem etwas zu er drückt sich im warmen Kontor herum,
als Gehilfe des Normberechners.
Die anderen von der 104. verschwinden sofort.
Dunstig rot ging die Sonne über der öden Bauzone auf:
Hier unterm Schnee liegen die Platten für die Fertighäuser, dort ist
ein Stück Mauerwerk und ein Fundament zu erkennen, ein zerbrochener Baggerausleger
liegt herum, ein Kübel, Eisengerümpel, irgendwo ist ein Graben ausgehoben,
sind Gruben ausgebaggert, das Autoreparaturwerk ist bis zum Dach hochgeführt,
und auf dem Hügel steht das Kraftwerk, dessen Obergeschoß noch im
Bau ist.
Alle haben sich verkrochen. Nur die sechs Posten stehen auf ihren
Wachtürmen, und rings um das Kontor ist Hochbetrieb. Dieser Augenblick
gehört den Häftlingen! Der oberste Bauleiter hat angeblich schon zigmal
gedroht, die Arbeitsbefehle für die Brigaden bereits abends auszugeben,
aber das passiert nie. Weil sies sich vom Abend bis zum Morgen immer anders
überlegen.
Dieser Augenblick gehört uns! Bis die Vorgesetzten alles geklärt
haben, muß man sich ein möglichst warmes Eckchen suchen, sich still
hinsetzen, abschinden kann man sich noch lange genug. Gut, wenn man einen Platz
am Ofen findet man kann die Fußlappen neu wickeln und sich aufwärmen.
Das hält die Füße eine Zeitlang warm. Aber selbst ohne Ofen
tut die Ruhe gut.
Die hundertvierte Brigade hat sich in die große Halle der
Autoreparaturwerkstatt gesetzt, die schon im Herbst verglast worden ist und
wo die achtunddreißigste Brigade Betonplatten gießt. Ein Teil der
Platten liegt noch in den Schalungen, andere stehen hochkant, daneben liegen
die Armierungen. Die Halle ist sehr hoch, der Boden aus festgestampfter Erde,
der Raum läßt sich nicht gut heizen, trotzdem sparen sie hier nicht
mit Kohlen: nicht damit die Männer sich hier wärmen können, sondern
damit der Beton schneller abbindet. Sogar ein Thermometer hängt hier, und
an den Sonntagen, an denen die Häftlinge nicht zur Arbeit ausrücken,
muß ein Freier hier heizen.
Die Achtunddreißigste läßt natürlich niemand
an den Ofen heran, die Brigade sitzt im Kreis um das Feuer, trocknet die Fußlappen.
Na schön, bleiben wir hier in der Ecke, macht nichts.
Mit dem Hinterteil seiner abgewetzten Wattehose machte es sich
Schuchow auf dem Rand einer Verschalung bequem, mit dem Rücken lehnte er
sich an die Wand. Als er sich zurücklehnte, spannten sich Wattejacke und
Weste, und auf der linken Seite, nahe dem Herzen, spürte er den Druck von
etwas Hartem. Es war eine Kante von dem Stück Brot, das er in der inneren
Brusttasche aufbewahrte, seine halbe Frühstücksration, die er sich
zum Mittagessen mitgenommen hatte. Er nahm immer ein Stück zur Arbeit mit
und rührte es bis Mittag nicht an. Die andere Hälfte aß er sonst
immer zum Frühstück, heute hatte er noch kein Brot gegessen. Schuchow
merkte, daß er gar nichts gespart hatte: Es verlangte ihn so heftig danach,
das Brot jetzt im Warmen zu essen. Bis zum Mittag waren es noch fünf lange
Stunden.
Der ziehende Schmerz war jetzt vom Rücken in die Beine gewandert,
sie waren ganz schlapp. Ach, wenn er doch am Ofen sitzen könnte! Schuchow
legte die Fausthandschuhe auf die Knie, knöpfte sich die Jacke auf, band
den vereisten Gesichtsschutz vom Hals los knickte den Lappen ein paarmal zusammen
und steckte ihn in die Tasche. Dann zog er das eingewickelte Brot aus der Brusttasche,
und während er den weißen Lappen darunterhielt, damit kein Krümelchen
verlorengehe, biß er winzige Stücke ab und zerkaute sie langsam.
Das Brot hatte er unter zwei Kleidungsstücken getragen, es mit seinem Körper
gewärmt deshalb war es kein bißchen gefroren.
Im Lager dachte Schuchow oft daran, wie man früher im Dorf
gegessen hatte: Kartoffeln ganze Pfannen voll, Grütze ganze
Töpfe voll und noch früher: Fleisch Riesenstücke. Und
Milch hatten sie gesoffen, bis ihnen fast der Bauch platzte. Im Lager hatte
Schuchow gelernt, daß es nicht auf die Mengen ankam. Die Gedanken müssen
ganz beim Essen sein wenn er jetzt die winzigen Stücke abbeißt,
sie mit der Zunge zerdrückt, sie aussaugt , wie gut schmeckt das
feuchte Schwarzbrot dann. Das Schuchow nun schon acht Jahre ißt, ein neuntes
noch? Macht nichts. Widerts ihn nicht an? Hoho!
Schuchow war mit den zweihundert Gramm beschäftigt, und in
seiner Nähe hatte sich die ganze 104. niedergelassen.
Zwei Esten, die wie Brüder aussahen, saßen auf einer
niedrigen Betonplatte und rauchten abwechselnd eine halbe Zigarette aus einer
Spitze. Beide waren hellblond, hochgewachsen und hager, beide hatten lange Nasen
und große Augen. Sie waren immer zusammen, als könnte einer ohne
den anderen nicht atmen. Selbst der Brigadier trennte sie nie voneinander. Sie
teilten ihr Essen und schliefen nebeneinander auf den oberen Pritschen. Wenn
sie in der Kolonne standen, auf den Ausmarsch warteten oder abends schlafen
gingen immer sprachen sie miteinander leise und ohne Hast. Und doch waren
sie keine Brüder, sie hatten sich erst hier, in der 104., kennengelernt.
Der eine, hieß es, war ein Fischer von der Küste, den andern hatten
die Eltern als kleinen Jungen zu Beginn der Sowjetmacht nach Schweden mitgenommen.
Als Erwachsener kehrte er aus eigenem Entschluß nach Estland zurück,
um dort sein Studium zu beenden.
Man sagt zwar, Nationalität bedeute nichts, in jedem Volk
gebe es schlechte Menschen. Aber wie viele Esten Schuchow auch kennengelernt
hatte, schlechte waren ihm nie begegnet.
Die Häftlinge saßen noch immer herum, auf Platten, Gußformen
oder einfach auf der Erde. Frühmorgens war keiner zum Sprechen aufgelegt,
jeder hing seinen Gedanken nach und schwieg. Fetjukow, dieser Schakal, hatte
irgendwo Zigarettenstummel aufgesammelt (er ekelte sich nicht einmal davor,
sie aus dem Spucknapf herauszuholen), zupfte sie auf den Knien auseinander und
schüttete den Rest brauchbaren Tabaks auf ein Papier. Fetjukow hatte drei
Kinder, aber als er eingelocht wurde, sagten sich alle von ihm los, und seine
Frau heiratete wieder: Er hatte also niemand, der ihn unterstützte.
Bujnowskij schielte lange zu Fetjukow hinüber, dann schnauzte
er ihn an:
Na, hast du genug Dreck zusammen? Hol dir nur die Syphilis!
Schmeiß das verdammte Zeug weg!
Der Kapitän war es gewohnt. Befehle zu geben, deshalb sprach
er mit allen Leuten im Befehlston.
Aber Fetjukow war in keiner Weise auf Bujnowskij angewiesen
der Kapitän erhielt keine Pakete. Seinen fast zahnlosen Mund zu einem hämischen
Grinsen verziehend, sagte er:
Wart nur, Kapitän, wenn du erst mal acht Jahre gesessen
hast, dann sammelst auch du Kippen. Es sind schon ganz andere Leute als du ins
Lager gekommen ...
Fetjukow schloß von sich auf andere, aber der Kapitän
hatte vielleicht genug Widerstandskraft ...
Was-was? Der schwerhörige Senjka Klewschin hatte
nicht alles verstanden. Er dachte, das Gespräch drehe sich darum, wie Bujnowskij
heute früh beim Ausmarsch reingerasselt war. Du hättest nicht
so aus der Haut fahren dürfen! Er schüttelte bekümmert
den Kopf:
Dann wäre alles gutgegangen.
Senjka Klewschin war ein Pechvogel. Ein Trommelfell war ihm geplatzt,
schon im Jahr einundvierzig. Dann geriet er in Gefangenschaft, türmte,
wurde geschnappt, kam nach Buchenwald. In Buchenwald entging er wie durch ein
Wunder dem Tod, und jetzt saß er ohne zu murren seine Zeit ab. Wer aus
der Haut fährt, meint er, der ist verloren.
Das stimmt, stöhne und beuge dich. Wenn du dich widersetzt,
zerbrichst du.
Alexej hat das Gesicht in die Hände vergraben, er schweigt,
betet. Schuchow hatte sein Stück Brot fast ganz gegessen, nur von der Kruste,
der halbrunden oberen Kruste, hatte er etwas übriggelassen. Weil man mit
keinem anderen Löffel die Schüssel so sauber leer essen kann wie mit
Brot. Er wickelte die Kruste sorgfältig in den weißen Lappen, fürs
Mittagessen, steckte ihn in die Tasche unter der Weste, knöpfte die Jacke
wegen der Kälte zu und war bereit; jetzt konnten sie ihn zur Arbeit schicken.
Wenn sie noch eine Weile warteten, dann um so besser.
Die achtunddreißigste Brigade stand auf, die Männer
verteilten sich: die einen gingen an die Betonmischmaschine, die anderen Wasser
holen, wieder andere zu den Stahlgeflechten.
Weder Tjurin noch sein Gehilfe Pawlo ließen sich bei der
Brigade sehen. Obwohl die 104. Brigade nur knapp zwanzig Minuten dagesessen
hatte und ihr winterlicher, verkürzter Arbeitstag bis sechs Uhr dauerte,
empfanden alle, daß sie großes Glück hatten, und der Tag kam
ihnen nicht mehr so lang vor.
Es gibt überhaupt keinen Schneesturm mehr! seufzte
der wohlgenährte, rotbackige Kilgas, den ganzen Winter nicht ein
einziger Schneesturm! Das ist doch kein Winter!
Ja ... Schneestürme ... Schneestürme, seufzten
alle der Reihe nach. Wenn in dieser Gegend der Schneesturm tobt, fällt
nicht nur die Arbeit aus, die Männer dürfen nicht einmal aus der Baracke
heraus: Wenn von der Baracke bis zur Kantine kein Seil gespannt wird, verirrt
man sich. Wenn ein Häftling im Schnee erfriert, dann sollen ihn die Hunde
fressen. Aber wenn er versucht zu fliehen! Das ist öfter vorgekommen. Bei
einem solchen Sturm ist der Schnee pulverfein, die Schneewehen sind steinhart.
Einmal sind Häftlinge über eine Schneewehe entkommen, die quer über
den Stacheldraht führte. Sie kamen allerdings nicht weit.
Wenn man es sich genau überlegt, haben die Häftlinge
gar nichts vom Schneesturm: Sie sitzen hinter Schloß und Riegel; die Kohlen
kommen nicht rechtzeitig, die ganze Wärme wird aus der Baracke hinausgeblasen;
die Mehllieferungen für das Lager verzögern sich es gibt kein
Brot; in der Küche fehlt es an allem. Und wie lange der Schneesturm auch
anhält drei Tage oder eine Woche , die Tage werden als Feiertage
gezählt, und ebenso viele Sonntage hintereinander müssen die Häftlinge
zur Arbeit.
Trotzdem wünschen sie den Schneesturm sehnlich herbei. Kaum
weht ein scharfer Wind, starren alle zum Himmel: ein bißchen Stoff! Nur
ein bißchen Stoff!
Schnee, bedeutet das.
Denn aus einem Wind, der flach über die Erde pfeift, entsteht
niemals ein richtiger Schneesturm.
Einer versuchte, sich an den Ofen der 38. Brigade heranzumachen,
er wurde weggescheucht.
Da kam Tjurin in die Halle. Er sah finster aus. Seine Leute begriffen
sofort: Jetzt mußten sie an, und zwar schnell.
So-o, Tjurin blickte sich um, die ganze Hundertvierte
hier?
Ohne sie zu kontrollieren oder nachzuzählen, denn aus seiner
Brigade machte sich nie jemand davon, erteilte Tjurin schnell seine Anweisungen.
Die beiden Esten, Klewschin und Goptschik, schickte er fort, eine große
Mörtelpfanne holen und ins Kraftwerk tragen. Damit war klar, daß
die Brigade am halbfertigen Kraftwerk arbeiten sollte, das seit dem Spätherbst
verlassen dastand. Zwei Männer schickte er zur Werkzeugausgabe, wo Pawlo
bereits die Werkzeuge in Empfang nahm.
Vier sollten vor dem Kraftwerk, am Eingang in die Maschinenhalle,
in der Maschinenhalle und auf den Leitern Schnee fegen. Zwei Mann sollten in
der Halle den Ofen mit Kohle heizen, Bretter organisieren und zerhacken. Einer
sollte mit dem Schlitten Zement dorthin transportieren. Zwei Wasser tragen,
zwei andere Sand, einer den gefrorenen Sand vom Schnee freiräumen
und ihn mit dem Brecheisen kleinschlagen.
Schließlich hatten nur Schuchow und Kilgas die besten
Arbeiter der Brigade noch nichts zu tun. Der Brigadier rief sie zu sich
und sagte:
Also, Jungs! (Er war nicht älter als sie, aber
er redete alle so an.) Nach der Mittagspause werdet ihr mit Blocksteinen
im ersten Stock die Wände hochziehen, da, wo die sechste Brigade im Herbst
aufgeholt hat. Aber als erstes muß die Maschinenhalle geheizt werden.
Sie hat drei große Fenster, die müssen wir irgendwie dicht machen.
Ich gebe euch ein paar Mann mit, überlegt erst mal, womit wir die Fenster
abdichten können. In der Maschinenhalle müssen wir Mörtel mischen
und uns aufwärmen. Sonst erfrieren wir dort wie die Hunde, klar?
Vielleicht wollte er noch mehr sagen, aber Goptschik, ein sechzehnjähriger
Bursche, rosig wie ein Ferkel, kam angelaufen und beschwerte sich, daß
die andere Brigade die Mörtelpfanne nicht abgeben wollte und sogar eine
Schlägerei anfing. Tjurin stürzte sofort dorthin.
So schwer es auch war, den Arbeitstag bei schneidender Kälte
zu beginnen, wenn man erst den Anfang hinter sich hatte, war alles in Ordnung.
Schuchow und Kilgas sahen sich an. Sie hatten schon oft zusammen
gearbeitet und achteten einander als Zimmermann und Maurer. Es war nicht leicht,
jetzt im Schnee etwas zu finden, womit man die Fenster abdichten konnte. Da
sagte Kilgas:
Wanja! Bei den Fertighäusern weiß ich eine Stelle
da liegt eine dicke Rolle Dachpappe. Ich selber habe sie dort versteckt.
Also los!
Kilgas ist Lette, aber Russisch spricht er wie seine Muttersprache
in der Nachbarschaft war ein Altgläubigen-Dorf, dort hatte er schon
als Kind Russisch gelernt. Im Lager ist Kilgas erst seit zwei Jahren, aber das
Wichtigste hat er schon begriffen: Hilf dir selbst, so hilft dir Gott. Kilgas
heißt Johann, Schuchow nennt ihn auch Wanja.
Sie beschlossen, die Dachpappe herzuschaffen. Aber vorher lief
Schuchow noch schnell in die halbfertige Autoreparaturwerkstatt, um sich seine
Kelle zu holen. Die Maurerkelle ist ein herrliches Werkzeug, wenn sie gut in
der Hand liegt und leicht ist. Aber auf jeder Baustelle galt die gleiche Anweisung:
morgens werden die Werkzeuge ausgegeben, abends wieder eingesammelt. Und was
für ein Werkzeug man am nächsten Tag erwischt ist reiner Zufall.
Aber einmal gelang es Schuchow, bei der Abgabe zu schummeln und die beste Maurerkelle
zu behalten. Jetzt versteckte er sie jeden Abend woanders und holte sie morgens
heraus, wenn er sie brauchte. Natürlich, wenn sie die Hundertvierte heute
in die Sozsiedlung geschickt hätten, wäre Schuchow wieder ohne Kelle.
Er schob einen kleinen Stein beiseite, steckte die Finger in einen Spalt
und zog die Kelle heraus.
Schuchow und Kilgas verließen die Reparaturwerkstatt und
gingen auf die Fertighäuser zu. Ihr Atem bildete dichte Dampfwolken. Die
Sonne war schon aufgestiegen, aber ihr Licht war gedämpft wie durch einen
Nebelschleier, zu beiden Seiten der Sonne schienen Pfähle zu stehen.
Sind das Pfähle oder nicht? sagte Schuchow.
Das ist uns doch egal, winkte Kilgas ab und lachte,
nur wenn sie von einem Pfahl zum ändern Stacheldraht ziehen, dann
sieh dich vor.
Wenn Kilgas den Mund auftut, macht er einen Witz. Deshalb liebt
ihn auch die ganze Brigade. Und erst die Letten im Lager, die verehren ihn geradezu!
Naja, Kilgas kann sich auch normal ernähren, jeden Monat zwei Pakete, er
sieht so gesund aus, als wäre er nicht im Lager. Da ist gut scherzen.
Die Bauzone ist ganz schön groß, wenn man sie erst durchquert.
Unterwegs trafen sie ein paar Mann aus der 82. Brigade, die sollten wieder Gruben
aufhacken. Keine besonders großen: fünfzig mal fünfzig und fünfzig
tief, aber die Erde ist schon im Sommer hart wie Stein und jetzt auch noch gefroren,
etwas zum Zähneausbeißen. Die Männer bearbeiten sie mit der
Spitzhacke die Hacke rutscht ab. Funken stieben, alles umsonst. Jeder
steht auf seinem Viereck, sieht sich um ringsherum nichts zum Aufwärmen,
den Arbeitsplatz dürfen sie nicht verlassen also weiterhacken. Dabei
wird einem wenigstens warm.
Schuchow entdeckte unter ihnen einen Bekannten aus Wjatka und gab
ihm den Rat:
Hört mal, macht doch ein Feuer über jedem Loch,
dann taut die Erde auf.
Ist nicht erlaubt, sagte der aus Wjatka seufzend, wir
bekommen auch kein Holz.
Sucht euch doch welches.
Kilgas spuckte nur aus.
Sag mal, Wanja, wenn die Lagerleitung Verstand hätte
würde sie ihre Leute dazu anstellen, bei dem Frost den Boden mit
Spitzhacken zu bearbeiten?
Kilgas stieß noch ein paar unverständliche Flüche
aus und verstummte, die Kälte macht nicht gesprächig. Sie gingen weiter,
bis sie schließlich zu dem Platz kamen, wo die Platten für die Fertighäuser
unter dem Schnee lagen.
Schuchow arbeitet gern mit Kilgas zusammen, Kilgas hat nur einen
Fehler er raucht nicht, und deshalb bekommt er niemals Tabak geschickt.
Wirklich, Kilgas hat ein gutes Gedächtnis: Sie hoben ein Brett
hoch, noch eins darunter lag die Rolle Dachpappe.
Sie zogen sie heraus. Was nun? Wie sollen sie sie tragen? Von den
Wachttürmen aus kann man sie sehen aber das ist gleichgültig:
die Kakadus haben nur eine Sorge, daß die Häftlinge nicht
fliehen. In der Bauzone können sie ruhig Platten zu Kleinholz machen. Wenn
der Lageraufseher ihnen über den Weg läuft, passiert auch nichts:
der hat selber einen Blick für alles, was er gebrauchen kann. Den Arbeitern
sind die Fertighäuser sowieso egal. Den Brigadieren auch. Nur der Bauführer,
ein Freier, und der Vorarbeiter, selbst ein Häftling, und der schlaksige
Schkuropatenko interessieren sich dafür. Und wer ist dieser Schkuropatenko?
Ein Häftling! Seine ganze Arbeit besteht darin, die Fertighäuser vor
den Sträflingen zu bewachen, damit sie nichts wegschleppen. Dieser Schkuropatenko
könnte sie als einziger in dem offenen Gelände erwischen.
Weißt du was, Wanja, wir dürfen sie nicht waagerecht
tragen, überlegte Schuchow, wir nehmen sie hochkant zwischen
uns und gehen ganz gemütlich, verdecken sie von beiden Seiten. Von weitem
kann er sie nicht erkennen.
Das war eine gute Idee von Schuchow. Die Rolle ließ sich
schlecht halten, also klemmten sie sie zwischen sich ein, wie einen dritten
Mann und gingen los. Von der Seite sah es aus, als ob zwei Männer
dicht nebeneinanderher gingen.
Aber wenn der Bauführer die Dachpappe an den Fenstern
sieht, weiß er doch Bescheid, meinte Schuchow.
Was geht uns das an? fragte Kilgas verwundert. Als
wir ins Kraftwerk kamen, war sie schon da. Sollten wir sie etwa abreißen?
Da hatte er recht.
Die Finger in den dünnen Handschuhen sind steif geworden,
man spürt sie überhaupt nicht mehr. Aber der linke Filzstiefel hält.
Die Stiefel sind die Hauptsache. Die Hände werden bei der Arbeit wieder
warm.
Sie gingen durch den unberührten Schnee und stießen
dann auf eine Schlittenspur, die von der Werzeugausgabe zum Kraftwerk führte.
Anscheinend hatten die ändern schon Zement geholt.
Das Kraftwerk steht auf einem Hügel, dahinter hört die
Bauzone auf. Wochenlang ist niemand hier gewesen, alle Zugangswege sind mit
einer gleichmäßigen Schneeschicht bedeckt. Um so deutlicher zeichnen
sich die Schlittenspur und der frischgetretene Pfad mit den tiefen Fußspuren
ab hier sind die anderen aus der Brigade entlanggegangen. Sie räumen
bereits mit Holzschaufeln den Schnee vor dem Kraftwerk weg und machen die Zufahrt
für die Lastwagen frei.
Schön wärs, wenn der Aufzug im Kraftwerk funktionierte.
Aber im Motor ist etwas durchgeschmort und anscheinend noch nicht repariert
worden. Also müssen sie alles selbst ins erste Stockwerk hinaufschleppen.
Den Mörtel. Die Blocksteine.
Zwei Monate hat das Kraftwerk wie ein graues Skelett verlassen
im Schnee gestanden. Aber jetzt ist die Hundertvierte gekommen. Und womit halten
diese Männer Leib und Seele zusammen? um den leeren Bauch haben
sie einen Segeltuchgürtel geschlungen; beißende Kälte; kein
Wärmeraum, kein Fünkchen Feuer. Aber die Hundertvierte ist jetzt hier,
und das Leben fängt wieder an.
Vor dem Eingang in die Maschinenhalle ist die Mörtelpfanne
in ihre Bestandteile zerfallen. Sie war schon ziemlich morsch, Schuchow hatte
nicht erwartet, daß sie noch heil ankommen würde. Der Brigadier stößt
ordnungshalber ein paar kräftige Flüche aus, aber er sieht, daß
niemand daran schuld ist. Da kommen Kilgas und Schuchow, tragen die Dachpappe
zwischen sich. Der Brigadier freut sich und ändert sofort den Arbeitsplan:
Schuchow soll das Ofenrohr instandsetzen, damit schnell geheizt werden kann,
Kilgas die Mörtelpfanne reparieren, die beiden Esten können ihm dabei
helfen, und Senjka Klewschin bekommt die Axt in die Hand gedrückt, er soll
Latten zurechthauen, auf die man die Dachpappe nageln kann, denn sie ist nur
halb so breit wie das Fenster. Woher aber die Latten nehmen? Der Bauführer
würde ihnen keine Genehmigung ausschreiben, wenn er erführe, daß
sie die Bretter für einen Wärmeraum brauchten. Der Brigadier sieht
sich im Raum um, alle sehen sich um; es gibt nur einen Ausweg: die beiden Bretter
losschlagen, die als Geländer an den Leitern zum Obergeschoß angebracht
sind. Nur darf man dann nicht schlafen, wenn man raufsteigt, sonst fällt
man hinunter. Was anderes bleibt gar nicht übrig.
Wozu eigentlich soll sich ein Häftling zehn Jahre lang im
Lager abschuften? Ich will nicht, und damit basta. Der Tag vergeht schon irgendwie,
und die Nacht gehört mir.
Aber diese Rechnung geht nicht auf, weils nämlich Brigaden
gibt. Nicht solche Brigaden wie außerhalb des Lagers, wo Iwan Iwanytsch
seinen Lohn erhält und Pjotr Petrowitsch den seinen. Im Lager gibt es Brigaden,
damit nicht die Vorgesetzten die Häftlinge, sondern die Häftlinge
sich gegenseitig antreiben. Hier heißt es: Entweder arbeiten alle zusätzlich,
oder alle können krepieren. Du arbeitest nicht, du Schwein, und ich soll
deinetwegen hungern? Los, pack an, du Sauhund!
Und in einem Augenblick wie jetzt, wo es ums Ganze geht, sitzt
erst recht keiner faul herum. Ob du willst oder nicht, spring und rühr
dich, beweg dich. Wenn wir in zwei Stunden mit dem Wärmeraum nicht fertig
sind, können wir uns alle begraben lassen.
Die Werkzeuge hat Pawlo schon gebracht, jetzt müssen sie noch
aussortiert werden. Auch ein paar Ofenrohre. Klempnerwerkzeug ist zwar nicht
dabei, aber ein kleiner Schlosserhammer und ein Beil. Es wird schon gehen.
Schuchow schlägt die Hände in den Fausthandschuhen gegeneinander,
setzt die Ofenrohre zusammen und klopft sie an den Fugen fest. Wieder schlägt
er die Hände gegeneinander, wieder hämmert er drauflos (er hat seine
Maurerkelle hier in der Nähe wieder versteckt. Auch wenn er alle in der
Brigade gut kennt, irgendeiner könnte sie doch heimlich vertauschen. Sogar
Kilgas).
Alle Gedanken waren wie fortgeblasen. An nichts dachte Schuchow
jetzt, um nichts anderes machte er sich Sorgen als um das Knie des Ofenrohrs,
wie man es am besten zusammensetzt und zum Fenster hinausführt, damit es
nicht qualmt. Er hatte Goptschik weggeschickt. Draht suchen, damit er das Rohr
am Fenster über dem Ausgang befestigen konnte.
In der Ecke steht noch ein niedriger Ofen mit einem gemauerten
Abzug. Er hat eine Eisenplatte, der Sand kann darauf tauen und trocknen. Dieser
Ofen ist schon angeheizt, der Kapitän und Fetjukow bringen den Sand in
Tragkästen herein. Um Sand zu schleppen, braucht man keinen Verstand. Deswegen
stellt der Brigadier für diese Arbeit ehemalige Vorgesetzte an. Fetjukow
war wohl mal ein leitender Angestellter gewesen, dem ein Wagen zur Verfügung
gestanden hatte. In den ersten Tagen hatte Fetjukow versucht, den Kapitän
anzubrüllen. Aber der Kapitän gab ihm einen Kinnhaken, dann vertrugen
sich die beiden.
Die Männer drängten sich um den warmen Ofen mit dem Sand,
aber der Brigadier drohte:
He, ich werd euch gleich einheizen! Macht erst mal
den Raum fertig!
Einem geprügelten Hund braucht man nur die Peitsche zu zeigen.
Der Frost ist unerbittlich, der Brigadier aber ist unerbittlicher. Die Männer
gingen wieder an die Arbeit.
Schuchow hone, wie der Brigadier leise zu Pawlo sagte: Du
bleibst hier, halt sie zusammen. Ich muß jetzt gehen, die Prozente festlegen.
Von den Prozenten hängt mehr ab als von der Arbeit. Ein kluger
Brigadier legt sich dafür ins Zeug. Davon leben wir. Wenn etwas nicht getan
ist, beweise, daß es getan wurde; wenn für eine Arbeit wenig gezahlt
wird, dann dreh und wende es so, daß du mehr dafür bekommst. Dazu
muß der Brigadier Grips haben und mit den Normenberechnern gutstehen.
Aber sie müssen auch geschmiert werden.
Und wenn mans sich richtig überlegt, wem kommen diese
Prozente eigentlich zugute? Dem Lager. Das Lager holt auf diese Weise Tausende
aus dem Bau heraus, und die Offiziere bekommen die Prämien. Auch dieser
Wolkowoj mit seiner Peitsche. Und für unsereinen gibt es zweihundert Gramm
Brot mehr zum Abendessen.
Diese zweihundert Gramm bestimmen dein Leben.
Zwei Eimer Wasser wurden hereingetragen, unterwegs war es zu Eis
gefroren. Pawlo sagte, es sei sinnlos, Wasser zu holen. Lieber den Schnee schmelzen
lassen. Sie stellten die Eimer auf den Ofen. Goptschik brachte nagelneuen Aluminiumdraht.
Für Stromleitungen. Er meldet: Iwan Denissytsch! Der Draht ist für
Löffel. Zeigen Sie mir, wie man Löffel gießt?
Iwan Denissytsch liebt Goptschik, diesen kleinen Gauner (sein eigener
Sohn war als kleiner Junge gestorben, zu Hause hat er nur noch zwei erwachsene
Töchter). Goptschik sitzt, weil er den Banderaleuten Milch in den Wald
gebracht hat. Er bekam die gleiche Strafe wie ein Erwachsener. Er ist ein netter
Junge, wie ein kleines Kalb, schmeichelt sich bei allen Männern ein. Aber
er hat es faustdick hinter den Ohren: Seine Pakete frißt er heimlich allein
auf und kaut manchmal auch nachts.
Für alle würde es ja doch nicht reichen.
Sie brachen ein Stück Draht für die Löffel ab und
versteckten es in einer Ecke. Schuchow setzte zwei Bretter zu einer Art Leiter
zusammen und ließ Goptschik hinaufklettern, um das Ofenrohr aufzuhängen.
Goptschik kletterte flink wie ein Eichhörnchen die Sprossen hinauf, schlug
einen Nagel ein, machte den Draht daran fest und führte ihn unter dem Rohr
hindurch. Schuchow war inzwischen auch nicht faul, er machte noch ein Knie an
den Abzug des Ofenrohrs. Heute ist es windstill, morgen vielleicht nicht
der Rauch soll ja nicht in den Raum ziehen. Denn dieser Ofen ist schließlich
für sie selbst bestimmt!
Senjka Klewschin hatte schon die Latten zurechtgeschlagen, Goptschik
sollte sie annageln. Er klettert am Fenster hoch, dieser kleine Teufel, schreit
herunter.
Die Sonne stand nun höher, glühte jetzt dunkelrot. Sie
hatte den Dunst vertrieben, die Pfähle waren verschwunden. Sie heizten
den Ofen mit gestohlenem Holz an. So war es schon viel besser.
Nur Ochsen wirds im Januar von der Sonne warm,
sagte Schuchow.
Kilgas hatte die Mörtelpfanne zusammengenagelt, klopfte noch
einmal mit dem Beil darauf und rief:
Hör, Pawlo, für diese Arbeit kriege ich vom Brigadier
hundert Rubel, billiger mache ich es nicht!
Pawlo lacht:
Hundert Gramm bekommst du.
Den Rest tut der Staatsanwalt dazu! schreit Goptschik
von oben.
Finger weg, Finger weg! rief Schuchow plötzlich.
Sie waren im Begriff, die Dachpappe falsch zu zerschneiden. Er zeigte ihnen,
wie sie es machen mußten.
Die Männer hatten sich um den kleinen Ofen geschart, Pawlo
jagte sie wieder weg. Er gab Kilgas einen Gehilfen und ließ sie Mörtelkästen
machen damit man den Mörtel nach oben tragen konnte. Zum Sandschleppen
wurden noch zusätzlich zwei Mann eingesetzt. Andere schickte Pawlo nach
oben, das Gerüst und die Mauer vom Schnee zu säubern. Und einer mußte
in der Halle den trockenen Sand vom Ofen in die Mörtelpfanne schütten.
Draußen brummte ein Motor die Blocksteine wurden gebracht,
der Lastwagen bahnte sich mühsam einen Weg durch den Schnee. Pawlo rannte
hinaus und fuchtelte mit den Armen, um ihnen zu zeigen, wo die Steine abgeladen
werden sollten.
Sie nagelten einen Streifen Dachpappe fest, dann den zweiten. Was
aber nützt die Dachpappe schon? Ist doch nur aus Papier. Und trotzdem wirkt
sie wie eine feste Wand. Im Raum ist es dunkler als vorhin, deshalb leuchtet
der Ofen jetzt heller.
Aljoschka hat Kohlen gebracht. Die einen rufen ihm zu: Aufschütten!
Die ändern: Wart noch! Uns genügt das Holzfeuer! Er hält
inne, weiß nicht, auf wen er hören soll.
Fetjukow hatte es sich am Ofen bequem gemacht und streckte die
Beine in den Filzstiefeln direkt bis zum Feuer aus, der Idiot. Der Kapitän
packte ihn am Kragen und stieß ihn vor sich her zum Tragkasten:
Sand holen, du Schweinehund!
Für den Kapitän war die Lagerarbeit wie der Dienst bei
der Marine: Befehl ist Befehl also richte dich danach! Der Kapitän
ist im vergangenen Monat stark abgemagert, aber er zieht den Karren noch.
Schließlich waren alle drei Fenster mit Dachpappe verkleidet.
Nur durch die Türen kam noch Licht herein. Aber auch die Kälte. Da
befahl Pawlo, den oberen Teil der Tür zu vernageln, den unteren nur so
weit offen zu lassen, daß man mit gesenktem Kopf hindurchkonnte. Draußen
waren inzwischen drei Wagenladungen Blocksteine angekommen. Jetzt hieß
es, sie ohne Aufzug ins erste Stockwerk zu befördern!
He, ihr Maurer! Wir gehen mal rauf! rief Pawlo.
Ehrensache. Schuchow und Kilgas stiegen mit Pawlo hinauf. Die Leiter
war ziemlich schmal, und nun hatte Senjka auch noch das Geländer abmontiert
drück dich an die Wand, damit du nicht abstürzt. Außerdem
war der Schnee an den Leitersprossen festgefroren, so daß die Füße
keinen Halt fanden. Wie sollte man da den Mörtel hinauf schaffen? Sie sahen
sich um, was noch zu mauern war, andere schaufelten schon die Wände frei.
Hier also. Vom alten Mauerwerk mußten sie noch das Eis losschlagen und
mit dem Besen abfegen.
Sie überlegten, von wo aus Blocksteine zugereicht werden sollten,
und warfen einen Blick nach unten. Dann beschlossen sie: Statt die Steine die
Leiter hinaufzuschleppen, werfen vier Mann sie aufs untere Gerüst, dort
sollen zwei stehen und sie weiterreichen, und im Obergeschoß werden zwei
Mann sie zu den Maurern tragen so geht es am schnellsten.
Hier oben weht der Wind nicht besonders stark, aber es zieht. Beim
Mauern geht das durch und durch. Wenn man hinter die halbhochgezogene Mauer
tritt, hat man Schutz ganz gut, da ist es erheblich wärmer.
Schuchow warf einen Blick auf den Himmel und konnte es nicht fassen:
Der Himmel war klar, die Sonne stand schon fast im Mittag. Wirklich seltsam:
wie schnell die Zeit bei der Arbeit vergeht! Wie oft hatte Schuchow das schon
festgestellt: die einzelnen Tage im Lager vergehen im Nu. Aber die Haftzeit
selber schien überhaupt nicht zu vergehen, sie wurde einfach nicht weniger.
Sie stiegen hinunter. Dort saßen alle schon am Ofen, nur
der Kapitän und Fetjukow schleppten noch Sand. Da wurde Pawlo fuchsteufelswild,
jagte acht Mann hinaus an die Steine, zwei mußten Zement in die Mörtelpfanne
schütten und mit Sand mischen, einer mußte Wasser holen, ein anderer
Kohlen. Und Kilgas sagte zu seiner Mannschaft:
Na, Jungs, die Tragkästen sollten auch mal fertig werden.
Kann ich vielleicht noch was helfen? Schuchow bittet
Pawlo um Arbeit.
Kannst du, nickt Pawlo.
Sie brachten eine Tonne, um darin Schnee für den Mörtel
aufzutauen. Irgendeiner sagte, es sei schon zwölf Uhr.
Natürlich ist es zwölf, erklärte Schuchow,
die Sonne hat ihren höchsten Stand erreicht.
Wenn sie ihren höchsten Stand erreicht hat, erwiderte
der Kapitän, ist es nicht zwölf, sondern eins.
Wieso denn? fragte Schuchow verblüfft. Unsere
Großväter wußten doch schon, daß die Sonne mittags am
höchsten steht.
Die Großväter wohl! fiel ihm der Kapitän
ins Wort. Aber inzwischen ist eine Verordnung erlassen worden, und jetzt
steht die Sonne um ein Uhr am höchsten.
Wer hat diese Verordnung erlassen?
Die Sowjetmacht!
Damit nahm der Kapitän seinen Tragkasten und ging hinaus,
obgleich Schuchow ihm gar nicht mehr widersprochen hätte. Es ist doch nicht
möglich, daß sich auch die Sonne nach ihren Erlassen richtet!
Sie klopften und hämmerten noch eine Weile, dann waren vier
Tragkästen zusammengezimmert.
Genug, jetzt können wir uns hinsetzen und uns aufwärmen,
sagte Pawlo zu den beiden Maurern. Senjka, nach dem Essen mauern Sie auch
mit. Setzen Sie sich her.
Jetzt war es ihr gutes Recht, sich um den Ofen zu setzen. Vor der
Mittagspause lohnte es nicht mehr, mit dem Mauern anzufangen. Den Mörtel
anzurühren, hatte auch keinen Sinn, er würde gefrieren.
Die Kohlenglut verbreitet eine gleichmäßige Wärme.
Aber man spürte sie nur unmittelbar am Ofen, in der Halle bleibt es so
kalt wie bisher. Sie ziehen die Fausthandschuhe aus, halten alle vier die Hände
dicht an den Ofen.
Aber die Füße in den Schuhen dürfen nicht zu dicht
ans Feuer kommen, das muß man erst lernen. Bei Stiefeln wird das Leder
rissig, und Filzstiefel werden feucht, fangen an zu dampfen, ohne die Füße
zu wärmen. Und wenn man sie noch näher ans Feuer hält, versengt
man sie. Dann kann man bis zum Frühjahr mit einem Loch drin herumlaufen,
neue gibts nicht.
Was macht denn Schuchow da? hänselt Kilgas, Schuchow
ist mit einem Fuß schon zu Hause.
Ja, mit dem nackten da, warf einer ein. Sie lachten
laut. (Schuchow hatte seinen linken, angesengten Filzstiefel ausgezogen und
wärmte die Fußlappen.)
Schuchows Zeit ist bald um.
Kilgas hat fünfundzwanzig bekommen. In den Jahren davor hatten
sie mehr Glück gehabt: Alle wurden über einen Kamm geschoren und zu
zehn Jahren verknackt. Aber von neunundvierzig an bekamen sie ohne Unterschied
fünfundzwanzig. Zehn konnte man noch aushalten, ohne abzukratzen
aber fünfundzwanzig?!
Schuchow findet es ganz angenehm, daß alle mit dem Finger
auf ihn zeigen: Der hats bald hinter sich aber so ganz glaubt er
selbst nicht daran. Denn alle, deren Haftzeit im Krieg schon abgelaufen war,
wurden zur besonderen Verwendung bis sechsundvierzig festgehalten.
Wer drei Jahre bekommen hatte, saß schließlich fünf Jahre länger.
Das Gesetz ist dehnbar. Sind die zehn Jahre vorbei, heißt es vielleicht,
sitzt noch mal zehn ab. Oder Verbannung.
Und dann wieder verschlägts einem den Atem bei dem Gedanken:
Die Zeit verstreicht wirklich, die Spule ist abgelaufen ... Herrgott! Hier raus
und in die Freiheit?
Aber ein alter Lagerhase redet nicht laut darüber, das schickt
sich nicht. Und Schuchow sagt zu Kilgas:
Zähl deine fünfundzwanzig nicht. Ob du wirklich
solange sitzt oder nicht, das ist noch gar nicht heraus. Ich habe schon acht
Jahre abgesessen! So lebt man, mit dem Gesicht zur Erde, und hat keine
Zeit darüber nachzudenken: Warum sitze ich eigentlich? Wie komme ich einmal
hier heraus?
Offiziell saß Schuchow wegen Landesverrat. Er selbst hatte
ausgesagt, daß es so war, er habe sich gefangennehmen lassen, um seine
Heimat zu verraten, und er sei zurückgekehrt, um einen Auftrag des deutschen
Geheimdienstes auszuführen. Was für einen Auftrag, das wußte
weder Schuchow noch der Untersuchungsrichter. So blieb es einfach bei einem
Auftrag.
Schuchows Überlegungen waren einfach: Unterschreibst du nicht
Holzkiste; unterschreibst du hast du vielleicht noch ein bißchen
zu leben. Er unterschrieb.
In Wirklichkeit war es so gewesen: Im Februar zweiundvierzig war
ihre Armee am Nordwestabschnitt eingeschlossen, und von den Flugzeugen warf
man ihnen nichts zu fressen herunter, denn diese Flugzeuge existierten gar nicht.
Es kam so weit, daß sie die Hufe der verendeten Pferde abschabten, das
Hörn in Wasser ein weichten und aßen. Munition war auch keine mehr
da. Und so jagten die Deutschen sie in kleinen Gruppen durch die Wälder
und fingen sie schließlich. Mit solch einer Gruppe war Schuchow ein paar
Tage in Gefangenschaft geraten, dann flohen sie zu fünft. Sie versteckten
sich im Wald, krochen durch Sümpfe und kamen wie durch ein Wunder zu ihren
Leuten zurück. Zwei von ihnen legte ein MP-Schütze sofort um, der
dritte starb an seinen Verletzungen zwei erreichten lebend die Stellung.
Es wäre klüger gewesen zu sagen, sie seien durch die Wälder geirrt
und nichts wäre ihnen passiert. Aber sie sagten ehrlich: Wir sind
aus deutscher Gefangenschaft ausgerissen. Aus Gefangenschaft? Ihr verfluchten
Hurensöhne! Wenn sie zu fünft gewesen wären, hätte man vielleicht
ihre Aussagen verglichen und ihnen geglaubt, aber zweien ausgeschlossen:
diese Schweinehunde haben ihre Flucht miteinander abgesprochen!
Senjka Klewschin hörte mit seinem fast tauben Ohr, daß
von Flucht aus der Gefangenschaft gesprochen wurde und sagte laut:
Ich bin dreimal aus Gefangenschaft getürmt. Und dreimal
haben sie mich erwischt. Senjka, der Dulder, sagt nur noch selten ein
Wort: Er kann die anderen nicht verstehen und beteiligt sich daher nicht am
Gespräch. Daher wissen sie wenig von ihm, nur, daß er in Buchenwald
saß und dort zu einer Untergrundorganisation gehörte und daß
er Waffen für den Aufstand ins Lager schmuggelte. Und daß die Deutschen
ihn mit auf den Rücken gebundenen Händen aufhängten und mit Stöcken
prügelten.
Wanja, du hast acht Jahre gesessen aber in was für
Lagern! widerspricht Kilgas. Du hast in gewöhnlichen Lagern
gesessen, dort habt ihr mit Weibern gelebt. Ihr mußtet keine Nummern tragen.
Aber sitz mal acht Jahre im Sonderlager! Das hat noch keiner durchgehalten.
Mit Weibern! ... Mit Holzklötzen, nicht mit Weibern
...
Schuchow starrte ins Feuer, er dachte an die sieben Jahre im Norden.
Wie er mit dem Holzschlepper drei Jahre Kanthölzer und Schwellenholz transportiert
hatte. Genauso ein Feuer machten sie während der Arbeitspausen beim Holzfällen,
nur nicht tags, sondern nachts. Der Lagerkommandant dort hatte angeordnet: Die
Brigade, die ihre Tagesnorm nicht erfüllt, bleibt bis in die Nacht im Wald.
Erst nach Mitternacht schleppten sie sich ins Lager zurück,
morgens früh ging es wieder in den Wald.
Nei-in, Brüder ... hier ist es ruhiger, nuschelte
er, hier ist der Feierabend Gesetz. Ob man seine Norm erfüllt hat
oder nicht ab ins Lager. Und die garantierte Norm ist hier um hundert
Gramm höher. Hier kann man leben. Sonderlager? meinetwegen, stören
dich vielleicht die Nummern? Sie zählen nicht, diese Nummern.
Ruhiger, zischt Fetjukow (es ist gleich Mittagspause,
auch die anderen sind jetzt näher an den Ofen gerückt), hier
werden die Menschen in den Betten umgebracht! Ruhiger ... !
Nicht Menschen, sondern Spitzel! Pawlo hebt den Finger
und droht Fetjukow.
Wirklich, so was gabs früher nicht. Zwei bekannte Spitzel
waren nach dem Wecken auf ihren Pritschen erstochen gefunden worden. Und ein
unschuldiger Arbeiter dazu anscheinend hatten sie seinen Platz verwechselt.
Ein Denunziant floh zur Lagerleitung, ins Lagergefängnis, und dort, in
dem steinernen Gefängnis, versteckte man ihn. Sonderbar ... So etwas kam
in einem gewöhnlichen Lager nicht vor. Und früher auch hier nicht
...
Plötzlich heulte die Sirene des Werkzugs. Nicht sofort mit
voller Lautstärke, sondern zuerst ein wenig heiser, als räuspere er
sich.
Mittag runter! Essenspause!
Ach, sie kamen zu spät! Sie hätten schon lange in der
Kantine anstehen müssen. Auf der Baustelle arbeiteten elf Brigaden, in
der Kantine hatten höchstens zwei Platz.
Der Brigadier war immer noch nicht zurückgekommen. Pawlo blickte
sich schnell um und beschloß:
Schuchow und Goptschik kommen mit mir! Kilgas! Wenn ich Goptschik
zu Ihnen schicke, führen Sie sofort die Brigade in die Kantine!
Ihre Plätze am Ofen waren sofort wieder besetzt, die Männer
drängten sich um das Öfchen wie um eine Frau alle wollen es
umarmen.
Alle aufwachen! rufen die Männer. Jetzt
wird geraucht! Und einer sieht den ändern an, wer wohl rauchen wird.
Aber niemand hat etwas zum Rauchen. Entweder haben sie keinen Tabak, oder sie
rücken ihn nicht heraus, wollen ihn nicht sehen lassen.
Schuchow und Pawlo gingen hinaus. Goptschik rannte wie ein junger
Hase übermütig hinter ihnen her.
Es ist etwas wärmer geworden, stellte Schuchow
sofort fest. Ungefähr achtzehn Grad, nicht mehr. Gut zum Mauern.
Sie sahen sich nach den Blocksteinen um die Männer
hatten schon eine Menge aufs Gerüst getragen und einen Teil auf das provisorische
Dach ins Obergeschoß.
Auch der Sonne warf Schuchow mit zusammengekniffenen Augen einen
prüfenden Blick zu wegen der Verordnung, von der der Kapitän
gesprochen hatte.
Im freien Gelände, wo der Wind ungehindert wehte, pfiff und
zwickte er noch kräftig. Träum nicht, wir haben Januar.
Die Betriebsküche ist eine kleine Bruchbude, rund um den Ofen
aus Brettern zusammengehauen und mit rostigem Blech verkleidet, um die Ritzen
abzudichten. Drinnen ist die Bude durch eine provisorische Wand in Küche
und Kantine geteilt. Dielenbretter gibt es in keinem der beiden Räume.
Den Erdboden hat man gelassen, wie die Füße ihn festgestampft haben
mit Buckeln und Kuhlen. Die ganze Küche besteht aus dem quadratischen
Ofen mit dem eingemauerten Kessel.
In dieser Küche regieren zwei Männer der Koch
und der Sanitätsinspektor.
Vor dem Ausmarsch aus dem Lager bekommt der Koch morgens in der
großen Lagerküche die Graupen zugeteilt. Pro Kopf ungefähr fünfzig
Gramm, pro Brigade ein Kilo, für die ganze Baustelle etwas weniger als
ein Pud*. Der Koch trägt den Sack mit Graupen natürlich nicht selbst
drei Kilometer weit, dafür hat er seinen Kalfaktor. Warum auch sollte er
sich abschleppen, lieber gibt er dem Kalfaktor eine Sonderportion auf Kosten
der Arbeiter. Wasser und Brennholz holen, den Ofen anheizen
auch das tut der Koch nicht selbst, sondern Arbeiter und Verrecker
auch für sie läßt er es nicht an einer Portion auf Kosten
der anderen fehlen. Gegessen werden darf nur in der Kantine: Die Schüsseln
müssen aus dem Lager mitgebracht werden (auf der Baustelle kann man sie
nicht lassen, die Freien würden sie nachts klauen, also werden
fünfzig Schüsseln, und nicht eine mehr, hinaustransportiert, sie werden
gleich hier abgewaschen und sofort wieder benutzt (auch der Schüsselträger
bekommt einen Schlag extra). Damit niemand
* Pud = etwa 33 Pfund
eine Schüssel aus der Kantine fortträgt wird noch
ein Kalfaktor zur Kontrolle an der Tür postiert. Aber der Mann mag noch
so scharf aufpassen, immer wieder werden Schüsseln hinausgeschmuggelt
entweder man überredet ihn, oder man lenkt ihn ab. Also muß für
die gesamte Baustelle noch ein Einsammler angestellt werden, der diese schmutzigen
Schüsseln zusammensucht und wieder in die Küche bringt. Der bekommt
auch seine Portion. Wie die anderen.
Der Koch selbst macht nur folgendes: er schüttet Graupen und
Salz in den Kessel und teilt das Fett ein für den Kessel und für
sich selber (gutes Fett bekommen die Arbeiter nicht zu sehen, das ranzige landet
im Kessel. Also ist es den Häftlingen am liebsten, wenn ranziges Fett ausgegeben
wird). Und dann rührt der Koch die Grütze um, wenn sie gar ist. Der
Sanitätsinspektor aber tut überhaupt nichts, er sitzt da und schaut
zu. Er bekommt die erste Portion von der Grütze: da, schlag dir den Bauch
nur voll. Und dann schlägt sich der Koch den Bauch voll. Und dann der diensthabende
Brigadier sie wechseln sich täglich ab. Er nimmt eine Kostprobe,
angeblich um festzustellen, ob man diese Grütze den Arbeitern auch vorsetzen
kann. Der diensthabende Brigadier bekommt auch einen doppelten Schlag.
Dann heult die Sirene. Die Brigadiere stellen sich in einer Reihe
an, und der Koch gibt durch sein Schalterfenster die Schüsseln aus; in
diesen Schüsseln ist der Boden immer mit Grütze bedeckt.
Wieviel von deiner Ration drin ist, weißt du nicht, du kannsts
ja nicht nachwiegen. Wenn du das Maul aufmachst, dann wirds dir gründlich
gestopft. Über die kahle Steppe pfeift der Wind trocken und heiß
im Sommer, eiskalt im Winter. In dieser Steppe wächst nichts, erst recht
nicht innerhalb des Stacheldrahtes. Brot wächst nur in der Brotausgabe,
Hafer im Lebensmittelmagazin. Plag dich bei der Arbeit so viel du willst, kriech
auf dem Bauch diesem Boden zwingst du nichts Eßbares ab, mehr als
der feine Kommandant dir zuteilt, kriegst du doch nicht. Und nicht einmal das
kriegst du wegen diesen Köchen, diesem Kalfaktor und allen anderen Schmarotzern.
Hier wird geklaut, im Lager wird geklaut, und vorher im Magazin wird auch schon
geklaut. Und alle, die klauen, schuften niemals mit der Hacke in der Hand. Aber
du schufte ruhig und nimm, was man dir gibt. Und geht gefälligst
vom Schalter weg.
Einer frißt den ändern auf.
Pawlo betrat mit Goptschik und Schuchow die Kantine dort
stehen die Männer dichtgedrängt, und hinter den vielen Rücken
sieht man weder die schmalen Tische noch die Bänke. Einige sitzen, die
meisten essen stehend. Die 82. Brigade, die ohne Wärmepause einen halben
Tag lang Gruben ausgehoben hat, ist als erste in die Kantine gekommen. Jetzt
wird sie nicht hinausgehen, wenn sie mit dem Essen fertig ist wo kann
sie sich besser aufwärmen als hier? Die ändern schimpfen auf die Brigade,
aber die Männer hören nicht hin immer noch angenehmer als die
Kälte draußen.
Pawlo und Schuchow bahnen sich mit den Ellenbogen einen Weg. Sie
sind genau zur rechten Zeit gekommen: eine Brigade wird gerade abgefertigt,
nur eine wartet noch, auch die Hilfsbrigadiere stehen am Schalter. Die ändern
werden also erst nach uns drankommen.
Schüsseln! Schüsseln! schreit der Koch aus
seinem Fensterchen, eilfertig werden sie hingestellt, auch Schuchow sammelt
Schüsseln ein und reicht sie durchs Fenster nicht für einen
Extraschlag Grütze, sondern damit es schneller geht.
Hinter der Trennwand spülen ein paar Helfer die Schüsseln
ab auch dafür eine Extraportion.
Jetzt nimmt der Hilfsbrigadier, der vor Pawlo steht, seine Portionen
in Empfang. Pawlo schreit über die Köpfe der Wartenden hinweg:
Goptschik!
Hier! klingt es von der Tür her. Er hat ein dünnes
Stimmchen, wie ein junger Ziegenbock.
Hol die Brigade!
Er rennt hinaus.
Hauptsache, die Grütze ist heute gut, Hafergrütze ist
die beste. Die gibt es nicht oft. Meist kochen sie zweimal am Tag Fenchelhirse
oder Mehlbrei. Aber der sämige Haferbrei sättigt besser, deshalb ist
er so wertvoll. Wieviel Hafer hat Schuchow früher an die Pferde verfüttert
und niemals gedacht, daß er einmal aus ganzer Seele nach einer Handvoll
Hafer verlangen würde!
Schüsseln! Schüsseln! schreit der Koch aus
dem Schalter.
Die Hundertvierte ist an der Reihe. Der Hilfsbrigadier vor ihnen
hat seinen doppelten Brigadier-Schlag bekommen und trollt sich.
Diese Portion kriegt er auf Kosten der Arbeiter, aber
niemand protestiert. Jeder Brigadier bekommt die doppelte Portion, er kann sie
ja seinem Helfer abtreten, wenn er sie nicht selbst ißt. Tjurin gibt sie
an Pawlo ab.
Schuchows Arbeit sieht jetzt so aus: Er zwängt sich durch
an einen Tisch, verjagt zwei Verrecker, bittet einen Arbeiter im guten, seinen
Platz zu räumen, macht für etwa zwölf Schüsseln ein Stück
vom Tisch frei, es reicht, wenn man sie dicht nebeneinander stellt; sechs stellt
er drauf und obenauf noch zwei; dann muß er Pawlo die Schüsseln abnehmen,
nachzählen und aufpassen, daß kein Fremder eine Schüssel vom
Tisch klaut. Und daß niemand mit dem Ellbogen dranstößt und
sie umkippt.
Nebenan stehen sie von der Bank auf, neue kommen, essen. Man muß
den ganzen Tisch im Auge behalten: daß Jeder nur seine Portion ißt,
sich nicht an eine von unsern heranmacht.
Zwei! Vier! Sechs! zählt der Koch hinter seinem
Schalter. Er gibt immer zwei Schüsseln aus, in jeder Hand eine. Das ist
einfacher für ihn, denn wenn man sie einzeln rausreicht, kann man
sich leicht verzählen. Zwei, vier, sechs, wiederholt Pawlo
am Schalter leise. Er reicht immer zwei Schüsseln an Schuchow weiter, und
der stellt sie auf den Tisch. Schuchow wiederholt die Zahlen nicht laut, aber
er zählt aufmerksamer als die beiden.
Acht, zehn.
Wo bleibt Goptschik mit der Brigade?
Zwölf, vierzehn, zählen sie weiter.
In der Küche sind die Schüsseln ausgegangen. An Pawlos
Kopf und Schultern vorbei sieht Schuchow: die Hände des Kochs haben zwei
Schüsseln aufs Schalterbrett gestellt und halten sie zögernd fest.
Vermutlich hat er sich gerade umgedreht und schimpft mit den Geschirrspülern.
Da wird wieder ein Stapel leerer Schüsseln durchs Fensterchen gereicht.
Er nimmt die Hände von den beiden Schüsseln und gibt den Stapel nach
hinten weiter.
Schuchow läßt seinen Berg Schüsseln auf dem Tisch
stehen, schwingt ein Bein über die Bank, greift nach den zwei Schüsseln
und wiederholt, nicht zum Koch, sondern zu Pawlo, mit leiser Stimme:
Vierzehn.
Halt! Wohin damit? brüllt der Koch ihm nach.
Das sind unsere, unsere! bestätigt Pawlo.
Eure, eure! Bring meine Rechnung nicht durcheinander!
Vierzehn, Pawlo zuckt die Achseln. Er selbst würde
niemals eine Portion schnorren, als Hilfsbrigadier muß er seine Autorität
wahren. Aber er wiederholt, was Schuchow gesagt hat, denn notfalls kann er alles
auf ihn abwälzen.
Ich hab doch schon švierzehnŠ gesagt! tobt der
Koch.
Wennschon! Aber du hast sie nicht ausgegeben, du hast sie
zurückgehalten! schreit Schuchow. Komm her, zähl nach,
wenn dus nicht glaubst. Da stehen sie alle auf dem Tisch!
Während Schuchow auf den Koch einschreit, entdeckt er im Gedränge
die beiden Esten, die sich zu ihm durchzwängen, und er reicht ihnen kurzerhand
die Schüsseln hinüber. Dann geht er schnell an den Tisch zurück,
vergewissert sich, daß alles an seinem Platz steht, und die Nachbarn nichts
abgestaubt haben, obwohl das ein leichtes gewesen wäre. Im Schalter erscheint
die rote Visage des Kochs in voller Größe. Wo sind die Schüsseln?
fragt er streng.
Hier, bitte sehr! schreit Schuchow. Beweg dich
mal ein bißchen weiter, alter Freund, steh nicht rum! Er stößt
ihn an. Hier, zwei! Er nimmt zwei Schüsseln vom Stapel, hält
sie hoch. Und da sind drei Viererreihen, stimmt genau, zähl nach.
Ist deine Brigade schon da? Der Koch guckt mißtrauisch
zum Schalterfenster heraus, das deshalb so schmal ist, damit man aus dem Eßraum
nicht zu ihm hineinschauen und sehen kann, wieviel er im Kessel zurückbehält.
Nein, noch nicht. Pawlo schüttelt den Kopf.
Zum Kuckuck, warum nehmt ihr dann anderen die Schüsseln
weg? zetert der Koch.
Da, da ist die Brigade! schreit Schuchow.
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