E     i     n         T     a     g

 

 

 

 

 

i m  L e b e n

 

des

 

 

 

 

 

 

 

Iwan Denissowitsch

 

 

 

 

 

Erzählung von Alexander Solschenizyn

 

(c) Alexander Solschenizyn, Droemer, Luchterhand, Edition Arthéme Fayard, dtv, Husum, ...

Auflage dieser ersten Leseprobe: Stück

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Um fünf Uhr morgens wurde das Wecksignal gegeben – Hammerschläge auf ein Stück Eisenbahnschiene, das neben der Stabsbaracke hing. Die abgehackten Töne drangen nur gedämpft durch die fingerdick vereisten Fensterscheiben und verstummten bald: es war kalt, der Aufseher hatte keine Lust, lange zu hämmern.

Die Töne waren verstummt. Draußen war es noch immer so stockfinster wie mitten in der Nacht, als Schuchow zur Barackenlatrine gegangen war, nur drei Lampen schienen gelb durchs Fenster: Zwei brannten in der Außenzone, eine im Lager.

Schuchow verschlief das Wecken nie, er stand immer sofort auf, denn bis zum Ausmarsch hatte man anderthalb Stunden Zeit, die einem ganz allein gehörten, und wer das Lagerleben kannte, der konnte sich stets etwas nebenher verdienen: aus altem Futterstoff dem oder jenem Kappen auf die Fausthandschuhe nähen, einem reichen Aktivisten die trockenen Filzstiefel auf die Pritsche stellen, damit er nicht barfuß herumtappen und seine Stiefel aus dem Haufen heraussuchen mußte; rasch zu den Ausgabestellen laufen und sehen, wo man sich beliebt machen konnte, indem man den Fußboden fegte oder Sachen herbeitrug; in der Kantine die Blechnäpfe von den Tischen räumen und die Stapel in die Spülküche bringen – dabei fiel manchmal etwas zu essen ab, nur gab’s dort zu viele Anwärter; und außerdem: wenn man in einem Napf noch ein Restchen entdeckte, dann leckte man ihn sofort aus, man konnte sich einfach nicht beherrschen. Schuchow hatte sich die Worte seines ersten Brigadiers Kusjomin gut gemerkt – der war ein alter Lagerfuchs, hatte 1943 schon zwölf Jahre gesessen. Am Lagerfeuer auf einer Schneise hatte er einmal zu den Neuen gesagt, die gerade von der Front gekommen waren: „Hier herrscht das Gesetz der Taiga, Jungs. Aber auch hier kann man leben. Nur der geht im Lager vor die Hunde, der Schüsseln ausleckt, auf die Krankenbaracke spekuliert oder andere beim Gevatter(1) verpfeift.“

(1) Gevatter – Lagerausdruck für den operativen Bevollmächtigten („Operativ“), Beauftragter der Zentrale aller oder mehrerer Lager, der das Lager inspiziert, Verhöre führt und Beschwerden entgegennimmt.

Das mit dem Gevatter stimmte natürlich nicht. Spitzel gehen immer auf Nummer Sicher. Wenn auch auf Kosten anderer.

Sonst stand Schuchow nach dem Wecksignal immer sofort auf, heute nicht. Schon seit gestern abend war ihm nicht wohl in seiner Haut, mal fröstelte ihn, mal taten ihm alle Glieder weh. Und nachts konnte er nicht warm werden. Im Halbschlaf war ihm zumute, als sei er richtig krank geworden, dann fühlte er sich wieder etwas besser. Er wünschte sich nur, daß der Morgen nicht anbrach.

Aber der Morgen kam, nahm seinen Lauf.

Wo sollte man sich hier auch wärmen – das Fenster vereist und an den Wänden entlang der Deckenfuge durch die ganze Baracke – eine Riesenbaracke war’s! – weiße Spinnweben. Rauhreif.

Schuchow stand also nicht auf. Er lag auf der oberen Pritsche, hatte sich die Decke und die Wattejacke über die Ohren gezogen und beide Füße in die Weste, in einen umgekrempelten Ärmel, gesteckt. Er hielt die Augen geschlossen, aber die Geräusche ließen ihn wahrnehmen, was in der Baracke und in der Ecke, wo seine Brigade lag, geschah. Schwer den Gang hinunterstap-fend, schleppten die Männer vom Barackendienst eine Latrine hinaus – acht Kübel. Das soll leichte Arbeit sein, für Invaliden, aber trag so ein Ding mal ’raus, ohne daß es überschwappt! In der 75. Brigade poltert gerade ein Bündel Filzstiefel aus dem Trockenraum auf den Fußboden. Jetzt auch bei uns (wir waren heute mit Stiefeltrocknen an der Reihe). Der Brigadier und der Hilfsbrigadier ziehen schweigend die Filzstiefel an, ihre Pritschen knarren. Der Hilfsbrigadier geht gleich zur Brotausgabe, der Brigadier in die Stabsbaracke, zu den Arbeitsleitern.

Aber es ist kein Routinegang wie jeden Tag – erinnert sich Schuchow: Heute fällt die Entscheidung – ob die 104. Brigade von den Werkstätten zur neuen Baustelle der „Sozsiedlung“ abgeschoben wird. Diese Sozsiedlung ist bisher noch ein Stück kahles Feld, mit Schneewächten, und vor Beginn der Bauarbeiten heißt es Löcher buddeln, Pfähle einrammen und eigenhändig Stacheldraht ziehen – damit keiner türmen kann. Dann erst wird gebaut.

Bestimmt gibt es dort einen ganzen Monat nichts, wo man sich aufwärmen kann, nicht mal eine Bretterbude. Und ein Feuer kann man dort auch nicht machen – kein Holz da. Schuften – die einzige Rettung.

Der Brigadier macht sich Sorgen, er versucht die Sache abzubiegen. Sollen sie doch irgendeine andere, dümmere Brigade dorthin verfrachten. Mit leeren Händen kann man natürlich nichts erreichen. Ein halbes Kilo Speck muß der oberste Arbeitsleiter schon bekommen. Vielleicht sogar ein ganzes Kilo.

Ein Versuch kann nichts schaden, ob Schuchow nicht doch probieren sollte, im Krankenbau unterzuschlüpfen, sich einen Tag zu drücken? Alle Knochen taten ihm weh.

Aber – welcher Aufseher hat heute Dienst? Der ,Anderthalb-Iwan‘ – fällt ihm ein, der dürre, baumlange Sergeant mit den schwarzen Augen. Wenn man ihn zum erstenmal sieht, trifft einen fast der Schlag, aber wenn man ihn näher kennt, ist er von allen Aufsehern der gutmütigste: Er bringt einen nicht in den Bunker, schleppt einen nicht zum diensthabenden Natschalnik (2). Man kann also ruhig liegenbleiben, bis Baracke 9 in die Kantine geht.

(2) Natschalnik – Leiter, Vorgesetzter (nicht nur der Lagerkommandant).

Die Doppelpritsche begann zu wackeln und schaukeln. Zwei standen gleichzeitig auf: oben Schuchows Nachbar, der Baptist Aljoschka, unten Bujnowskij, ehemaliger Fregattenkapitän.

Die Alten, die den Barackendienst machten und die Latrinenkübel hinaustrugen, stritten sich, wer von ihnen heißes Wasser zu holen hatte. Sie keiften wie alte Weiber. Der Elektroschweißer aus der 20. Brigade brüllte sie an:

„He, ihr Verrecker!“ und schmiß einen Filzstiefel nach ihnen. „Ich mach euch kalt!“

Der Filzstiefel polterte dumpf gegen einen Pfosten. Sie verstummten. In der Nachbarbrigade knurrte der Hilfsbrigadier leise:

„Wassilij Fjodorytsch! In der Proviantausgabe haben sie uns übers Ohr gehauen, diese Schweine: Wir hatten immer vier Zweipfundbrote, und jetzt sind’s nur drei. Wem zieh’ ich da was ab?“

Er hatte leise gesprochen, aber die ganze Brigade hatte es natürlich gehört und hielt den Atem an: einer von ihnen würde abends zuwenig bekommen.

Schuchow lag immer noch auf seiner Matratze mit dem zusammengedrückten Sägemehl. Wenn doch irgendwas passierte – entweder sollte ihn der Schüttelfrost packen oder das Gliederreißen vergehen. Aber so war’s nichts Halbes und nichts Ganzes.

Während der Baptist seine Gebete flüsterte, kam Bujnowskij von draußen zurück und sagte fast schadenfroh vor sich hin:

„Auf, rote Matrosen! Bestimmt dreißig Grad!“

Und Schuchow entschied sich für den Krankenbau.

In diesem Augenblick riß ihm eine offiziell dazu befugte Hand Weste und Decke vom Körper. Schuchow zog die Wattejacke vom Gesicht und richtete sich auf. Vor ihm, den Kopf in Höhe der Pritschenkante, stand der dürre Tatarin.

Er machte also außer der Reihe Dienst und hatte sich leise hereingeschlichen.

„S–achthundertvierundfünfzig!“ las Tatarin vom weißen Lappen auf dem Rücken der schwarzen Wattejacke ab. „Drei Tage Bunker mit Arbeit!“

Kaum hatte er mit seiner merkwürdig gepreßten Stimme zu sprechen begonnen, da wurde es in der halbdunklen, nur von wenigen Glühbirnen beleuchteten Baracke, wo auf fünfzig verwanzten zweistöckigen Doppelpritschen zweihundert Mann schliefen, lebendig, und alle, die noch nicht aufgestanden waren, zogen sich hastig an.

„Wofür, Bürger Natschalnik?“ fragte Schuchow und ließ seine Stimme kläglicher klingen, als er sich fühlte.

Bunker mit Arbeit ist halb so schlimm, man bekommt warmes Essen und hat keine Zeit zum Grübeln. Bunker ohne Arbeit – das ist Strafe.

„Nach dem Wecken liegengeblieben. Los, in die Kommandantur“, sagte Tatarin träge, weil er wie Schuchow und alle ändern wußte, wofür es die Strafe gab.

Das bartlose faltige Gesicht Tatarins war vollkommen ausdruckslos. Er sah sich suchend nach einem zweiten Opfer um, aber alle Männer – die einen im Halbdunkel, die andern im Schein der Glühbirne, die auf den unteren und die auf den oberen Pritschen – zogen die schwarzen wattierten Hosen mit der Nummer auf dem linken Knie über; wer fertig war, verzog sich eilig nach draußen, um Tatarin im Freien zu erwarten.

Wenn Schuchow den Arrest wenigstens verdient hätte, würde es ihn jetzt nicht so ärgern. Es wurmte ihn besonders, weil er sonst immer als einer der ersten aufstand. Aber Tatarin zu bitten, ihn laufenzulassen, hatte keinen Zweck. Das wußte er. Während er also nur aus Gewohnheit darum bat, zog Schuchow, der die wattierten Hosen nachts anbehielt (über dem linken Knie war auch ein verschlissener, schmutziger Flicken aufgenäht und mit schwarzer, jetzt verblaßter Farbe die Nummer S-854 gemalt), seine Weste an (sie hatte zwei Nummern – eine auf der Brust und eine auf dem Rücken), suchte seine Filzstiefel aus dem Haufen auf dem Fußboden, setzte die Mütze auf (auch sie trug vorn einen Flicken mit der Nummer) und ging hinter Tatarin her nach draußen.

Die ganze 104. Brigade sah, wie Schuchow abgeführt wurde, aber niemand sagte etwas: Es wäre doch umsonst, und was sollte man auch sagen? Der Brigadier hätte für ihn eintreten können, aber er war schon fort. Auch Schuchow sagte kein Wort, er wollte Tatarin nicht reizen. Die anderen würden schon so schlau sein und das Frühstück für ihn aufheben.

So gingen die beiden hinaus.

Es war kalt und diesig, die Luft benahm einem den Atem. Die Strahlen der beiden großen Scheinwerfer auf den fernen Ecktürmen kreuzten sich über der Lagerzone. Überall, außerhalb des Stacheldrahtes und im Lager, brannten die Lampen. Sie standen so dicht, daß sie die Sterne überstrahlten.

Der Schnee knirschte unter den Filzstiefeln der Häftlinge, die eilig ihren Geschäften nachgingen – zur Latrine, in die Magazine, zur Paketausgabe, in die Küche, um dort Graupen abzugeben, aus denen man sich seine eigene Grütze kochen ließ. Alle zogen den Kopf ein, die Wattejacken waren fest zugeknöpft, alle froren schon bei dem Gedanken, den ganzen Tag in dieser Kälte verbringen zu müssen. Nur Tatarin in seinem alten Uniformmantel mit den speckigen hellblauen Kragenspiegeln schritt gleichmäßig aus, als wäre er gegen den Frost gefeit.

Sie gingen vorüber an dem hohen Bretterzaun, der den Strafblock umgab – das aus Stein gebaute Lagergefängnis; vorüber an dem Stacheldraht, der die Lagerbäckerei gegen die Häftlinge schützte; vorüber an der Ecke der Stabsbaracke, wo die bereifte Eisenschiene mit einem dicken Drahtseil an einem Pfosten hing; vorüber an einem anderen Pfosten in einer windstillen Ecke, wo das Thermometer hing, damit es nicht zu niedrige Temperaturen anzeigte. Es war dick bereift. Schuchow warf einen hoffnungsvollen Blick auf das milchweiße Röhrchen : Wenn es einundvierzig zeigte, durften sie nicht zur Arbeit hinausgejagt werden. Aber heute wollte es nicht einmal auf vierzig sinken.

Sie betraten die Stabsbaracke und gingen sofort in den Aufseherraum. Dort bestätigte sich, was Schuchow schon unterwegs geahnt hatte: Er bekam überhaupt keinen Bunker, sondern der Fußboden im Aufseherraum war nicht gewischt. Jetzt erklärte Tatarin, daß er Schuchow verzeihe, und befahl ihm, den Boden zu wischen. Diese Arbeit war eigentlich die Aufgabe eines bestimmten Häftlings, des Stubendienstes in der Stabsbaracke, der nicht draußen zu arbeiten brauchte. Da er schon so lange in der Stabsbaracke diente, hatte er Zutritt zu den Arbeitszimmern des Majors, des diensthabenden Natschalniks und des Gevatters; er erwies ihnen manche Gefälligkeit und bekam zuweilen Dinge zu hören, die nicht einmal die Aufseher erfuhren, und seit einiger Zeit fand er, daß es unter seiner Würde sei, bei den einfachen Aufsehern den Fußboden zu wischen. Sie forderten ihn einmal auf, ein zweites Mal, begriffen dann, was los war, und schnappten sich von da an einen einfachen Arbeitshäftling für ihren Fußboden.

Der Ofen im Aufseherraum war glühend heiß. Nur in schmutzigen Uniformblusen spielten zwei Aufseher Dame, ein dritter lag im Pelzmantel und Filzstiefeln auf einer schmalen Bank und schlief. In einer Ecke stand ein Eimer mit einem Putzlumpen.

Schuchow sagte zu Tatarin, erfreut über dessen Großzügigkeit:

„Danke, Bürger Natschalnik! Ich werde nie mehr zu lange liegenbleiben.“

Hier herrschte ein einfaches Gesetz: Bist du fertig – dann kannst du gehen. Jetzt, da man Schuchow Arbeit zugewiesen hatte, schienen seine Gliederschmerzen aufzuhören. Er nahm den Eimer und ging ohne Fausthandschuhe (in der Eile hatte er sie unter seinem Kopfkissen vergessen) zum Brunnen.

Die Brigadiers, die in der Plan- und Produktionsabteilung gewesen waren, drängelten sich um den Thermometerpfosten, ein jüngerer Brigadier, ehemaliger Held der Sowjetunion, kletterte hinauf und rieb das Röhrchen ab.

Die unten Stehenden rieten ihm:

„Danebenhauchen, sonst steigt’s!“

„Steigen! Einen Scheißdreck steigt’s... ist doch sowieso egal.“

Tjurin, Schuchows Brigadier, war nicht dabei.

Schuchow, der den Eimer hingestellt und die bloßen Hände in die Ärmel gesteckt hatte, sah interessiert zu.

Der Mann oben am Pfosten sagte heiser:

„Siebenundzwanzig einhalb, schöne Scheiße.“

Nachdem er noch einen prüfenden Blick aufs Thermometer geworfen hatte, sprang er hinunter.

„Das funktioniert doch gar nicht – fauler Zauber“, sagte einer, „die würden hier nie eines aufhängen, das funktioniert.“

Die Brigadiere gingen weg. Schuchow eilte zum Brunnen.

Unter den herabhängenden, aber nicht zusammengebundenen Ohrenklappen zwickte ihn der Frost in die Ohren.

Das Wasserloch im Brunnen hatte eine dicke Eiskruste angesetzt, so daß der Eimer kaum hineinpaßte. Und das Seil war stocksteif gefroren.

Mit tauben Händen trug Schuchow den dampfenden Eimer in den Aufseherraum. Dort tauchte er die Hände ins Brunnenwasser, allmählich wurden sie wieder warm.

Tatarin war nicht da, aber die Aufseher saßen jetzt zu viert in dem kleinen Raum, sie hatten Damespiel und Schläfchen beendet und stritten sich darum, wieviel Hirse sie im Januar bekommen würden. (In der „freien“ Siedlung waren die Lebensmittel knapp, aber die Aufseher bekamen immer etwas, auch ohne Marken, und billiger als die anderen.)

„Tür zu, Scheißkerl! Es zieht!“ brüllte einer von ihnen und unterbrach damit das Gespräch.

Es war schlecht, sich schon morgens die Filzstiefel naßzumachen, denn er hatte keine zum Wechseln. In den acht Jahren Haft hatte Schuchow, was das Schuhwerk anging, alles mögliche erlebt: Einmal bekamen sie den ganzen Winter keine Filzstiefel, ein andermal hatten sie überhaupt keine festen Schuhe, nur Bastschuhe und eine Art Gummischuhe, aus Autoreifen gemacht. Jetzt schien es mit der Versorgung besser zu klappen: Im Oktober hatte Schuchow Stiefel erhalten (aber nur, weil er im Magazin nicht von der Seite des Hilfsbrigadiers gewichen war), stabile Stiefel, mit festen Kappen und Platz genug für zwei warme Fußlappen. Eine Woche ging er stolz in den Schuhen herum, als seien sie ein Geburtstagsgeschenk, klapperte laut mit den neuen Absätzen. Und im Dezember gab es gerade zur rechten Zeit Filzstiefel – so ließ es sich schon aushalten. Aber irgendein Schwein in der Buchhaltung flüsterte dem Lagerkommandanten ein: „Die Filzstiefel sollen sie haben, aber die Lederstiefel abliefern. Es ist nicht in Ordnung, daß ein Sträfling zwei Paar auf einmal hat.“ Also mußte Schuchow sich entscheiden: entweder den ganzen Winter in Lederstiefeln herumlaufen oder Filzstiefel tragen – auch bei Tauwetter – und die Lederschuhe abgeben. Er hatte sie geschont, mit Solidol eingerieben, um das Leder weich zu machen, ach, die schönen neuen Stiefel! – In den ganzen acht Jahren hatte es ihm um nichts so leid getan wie um diese Stiefel. Sie waren mit allen anderen auf einen Haufen geworfen worden, er würde sie im Frühjahr nicht mehr herausfinden.

Jetzt wußte sich Schuchow folgendermaßen zu helfen: Er schlüpfte flink aus den Filzstiefeln, stellte sie in eine Ecke, warf die Fußlappen obendrauf (der Löffel, der immer im Stiefel steckte, fiel klirrend auf den Boden; so hastig er sich zum Bunker fertiggemacht hatte, den Löffel hatte er nicht vergessen), stellte sich barfuß hin, verteilte mit dem Putzlappen reichlich Wasser und fuhr den Aufsehern flugs unter die Filzstiefel.

„Langsam, du Mistvieh!“ Einer hatte es gemerkt und zog die Füße hoch.

„Reis? Reis fällt unter eine andere Norm, Reis kannst du nicht damit vergleichen!“

„Wieviel Wasser brauchst du eigentlich zum Wischen, du Idiot?“

„Bürger Natschalnik! Anders kriegt man den Boden nicht sauber. Der Dreck sitzt zu fest...“ „Hast du schon mal zugeschaut, wie deine Alte den Boden wischt, du Ferkel?“

Schuchow richtete sich auf, in einer Hand den triefenden Lappen. Er grinste gutmütig. Man sah, daß ihm ein paar Zähne fehlten – sie waren ihm 1943 in Ust-Ischma durch Skorbut ausgefallen. Damals wäre er fast krepiert. Die Ruhr hatte ihn fertiggemacht, der gequälte Magen konnte nichts mehr aufnehmen. Jetzt erinnerte nur noch sein leichtes Nuscheln an jene Zeit.

„Von meiner Alten, Bürger Natschalnik, bin ich einundvierzig weggeholt worden. Ich weiß überhaupt nicht mehr, wie sie aussieht.“

„Da sieht man’s, wie sie aufwischen ... Diese Schweine, können nichts und wollen nichts tun. Sie sind das Brot nicht wert, das sie bekommen. Scheiße sollte man ihnen zu fressen geben.“

„Jeden Tag hier putzen, verdammter Blödsinn! Der Boden wird ja gar nicht trocken. He du, Achthundertvierundfünfzig! Wisch nur ein bißchen drüber, sonst wird’s zu naß, und dann hau ab!“

„Reis! Du kannst Hirse doch nicht mit Reis vergleichen!“ Schuchow machte seine Arbeit schnell fertig. Die Arbeit ist wie ein Stock, sie hat zwei Enden: Machst du sie für vernünftige Menschen, dann muß sie etwas taugen, machst du sie für einen Dummkopf, dann tu nur so als ob.

Anders wären sie alle längst krepiert, klare Sache.

Schuchow wischte den Fußboden so, daß keine trockenen Stellen mehr blieben, warf den nassen Lappen hinter den Ofen, zog auf der Türschwelle seine Filzstiefel an, schüttete das Wasser auf den Weg, den die Vorgesetzten benutzten – und rannte quer übers Gelände, vorbei an der Sauna, vorbei an der dunklen ungeheizten Klubbaracke zur Kantine.

Er mußte ja noch in den Krankenbau, wieder tat ihm alles weh. Und vor der Kantine durfte er keinem Aufseher in die Hände laufen: Der Lagerkommandant hatte strikten Befehl gegeben, zu spät kommende Einzelpersonen aufzugreifen und in den Bunker zu stecken.

Heute morgen war kein Gedränge vor der Kantine – ein seltenes Ereignis –, niemand mußte Schlange stehen. Hinein!

Drinnen ein Dampf wie in der Sauna – von der Eingangstür strömte die scharfe Frostluft in Schwaden herein, auf den Tischen dampfte die heiße Suppe. Die Brigaden saßen an den Tischen oder zwängten sich durch die Gänge, warteten auf freie Plätze. Laut rufend trugen zwei, drei Mann von jeder Brigade ihre Schüsseln mit Gemüsesuppe und Grütze auf Holzbrettern durchs Gedränge und versuchten, sie auf den Tischen abzustellen. Hört einfach nichts, dieser Tölpel, dieser Holzklotz, da, jetzt stößt er auch noch ans Tablett! Schwapp, schwapp! Mit der freien Hand kriegt er eine ins Genick, noch eine! Ganz richtig! Steh ändern nicht im Weg, glotz nicht herum, wo’s etwas auszulecken gibt.

Dort am Tisch, den Löffel noch neben der Suppenschüssel, bekreuzigt sich ein junger Bursche. Also ein Westukrainer, Neuling obendrein. Die Russen haben längst vergessen, mit welcher Hand man das Kreuz schlägt.

Man spürt die Kälte, wenn man stillsitzt, die meisten ==297== behalten ihre Mütze auf, essen aber ohne Eile, angeln sich die fast zerkochten Fischbrocken unter den fauligen Kohlblättern hervor und spucken die Gräten auf den Tisch. Wenn sich ein Häufchen angesammelt hat, fegt einer sie auf den Fußboden, ehe die nächste Brigade kommt, dann werden sie zertreten.

Die Gräten direkt auf den Boden zu spucken gilt als unfein. Quer durch die Baracke zogen sich zwei Reihen Pfosten oder Stützbalken, an einem Balken saß Fetju-kow, einer aus Schuchows Brigade, er hatte ihm das Frühstück aufgehoben. In der Brigade war er schlecht angesehen, viel schlechter als Schuchow. Mit ihren schwarzen Wattejacken und den Nummern sahen alle gleich aus, dabei gab es erhebliche Unterschiede – Rangstufen. Bujnowskij würde niemandem die Suppenschüssel hüten, aber Schuchow übernahm auch nicht jede Arbeit, es gab noch niedriger Stehende.

Fetjukow hatte Schuchow bemerkt und seufzte, als er ihm den Platz überließ.

„Ist ganz kalt geworden. Ich wollte schon die Suppe für dich essen, dachte – du bist im Bunker.“

Und er wartete nicht länger, weil er wußte, daß Schuchow ihm nichts übrigließ, beide Schüsseln würde er sauber leerputzen.

Schuchow zog seinen Löffel aus dem Stiefelschaft. Er hing sehr an diesem Löffel, der ihn durch den ganzen Norden begleitet hatte. Schuchow hatte ihn aus Aluminiumdraht im Sand gegossen und eingekratzt: „Ust-Ischma 1944.“

Dann nahm Schuchow die Mütze vom kahlgeschorenen Kopf – es mochte noch so kalt sein, er brachte es nicht über sich, beim Essen die Mütze aufzubehalten –, und während er die abgestandene Suppe umrührte, prüfte er schnell, was er abbekommen hatte. Es ging, mittelmäßig.

Der Schlag war nicht oben aus dem Kübel, aber auch nicht vom Grund. Fetjukow wäre zuzutrauen, daß er sich beim Aufpassen auf die Schüssel eine Kartoffel herausgefischt hatte.

Das einzig Gute an dieser dünnen Suppe war, daß sie meistens heiß war, aber was Schuchow jetzt bekam, war ganz kalt. Trotzdem aß er ebenso langsam, ebenso aufmerksam wie sonst. Und wenn die Baracke abbrennt – kein Grund zur Eile. Vom Schlaf abgesehen, der Lagerinsasse hat morgens beim Frühstück ganze zehn Minuten für sich selbst, beim Mittagessen und Abendbrot nur fünf.

Die Gemüsesuppe blieb Tag für Tag die gleiche, je nachdem, welches Gemüse für den Winter eingelegt worden war. Im vorletzten Jahr hatten sie nur Mohrrüben eingesalzen – also gab es von September bis Juni Mohrrübensuppe. Und in diesem Winter – Kohl. Für den Häftling ist die fetteste Zeit der Juni: Dann gibt es kein Gemüse mehr, nur Graupen. Die magerste Zeit ist der Juli, dann werden Brennesseln in den Kessel geschnitten.

Vom Fisch hatte er vor allem Gräten erwischt, das Fleisch war zerkocht und zerfallen, nur am Kopf und Schwanz hing noch etwas. Schuchow, der an dem spröden Fischskelett kein Schüppchen, keine Faser gelassen hatte, zerkaute die Gräten, sog sie aus – und spuckte sie auf den Tisch. Er aß jeden Fisch restlos auf, mit Kiemen, Schwanz und Augen, wenn sie noch im Kopf steckten, waren sie aber herausgekocht und schwammen in der Suppe herum – große Fischaugen –, aß er sie nicht. Die anderen machten sich darüber lustig.

Heute konnte Schuchow sparen: da er nicht in die Baracke gegangen war, hatte er seine Brotration nicht bekommen und aß jetzt seine Suppe ohne Brot. Das Brot würde er später verdrücken – dann sättigt es noch mehr.

Als zweites gab es Fenchelhirse. Sie war zu einem festen Kloß zusammengepappt, Schuchow bröckelte einzelne Stückchen davon ab. Ob kalt oder warm, das Zeug schmeckte nach nichts, und es machte nicht satt, reines Gras, nur gelb wie Hirse. Man hatte den großartigen Einfall gehabt, diese Hirse statt Graupen auszugeben. Sie kam angeblich von den Chinesen. Jeder bekam einen Schlag von dreihundert Gramm – und damit basta: Ob Grütze oder nicht, das Zeug lief unter Grütze.

Nachdem Schuchow den Löffel abgeleckt und ihn wieder in den Filzstiefel gesteckt hatte, setzte er die Mütze auf und ging in die Krankenbaracke.

Der Himmel, dessen Sterne die Lagerbeleuchtung verdrängte, war immer noch dunkel. Und immer noch zerschnitten die breiten Strahlen der Scheinwerfer die Lagerzone. Als dieses Lager, ein Sonderlager, angelegt wurde, besaß die Wachmannschaft noch Unmengen von Leuchtraketen aus dem Krieg, kaum setzte die Dämmerung ein – ließen sie einen Regen von Raketen über dem Lager niedergehen, weiße, grüne, rote, wie im Krieg. Später hörten sie auf, Raketen zu verschießen. Vielleicht wurde es ihnen zu teuer.

Obwohl es noch so dunkel wie beim Wecken war, ... weiter